Uwe Johnson

Ich wollte keine Frage ausgelassen haben

Gespräche mit Fluchthelfern
Cover: Ich wollte keine Frage ausgelassen haben
Suhrkamp Verlag, Berlin 2010
ISBN 9783518421512
Gebunden, 245 Seiten, 22,80 EUR

Klappentext

In den Begleitumständen, dem Bericht von seinen Erfahrungen als Schriftsteller in Ost wie West, schildert Uwe Johnson das Scheitern eines 1963 in Angriff genommenen Buches. In ihm wollte er die Arbeit von Fluchthelfern dokumentieren. Deshalb führte er mit den Mitgliedern der Gruppe Girrmann (sie half nach dem Mauerbau annähernd 5000 Menschen, die DDR zu verlassen) Gespräche über das Warum und Wie ihrer Arbeit. Diese Unterredungen wurden auf Tonband aufgezeichnet, das Projekt von Johnson jedoch abgebrochen. In den Begleitumständen erklärt er lapidar: "Ja, die Tonbänder sind gelöscht." Hier irrte Uwe Johnson: Die insgesamt fünfstündigen Interviews mit Detlef Girrmann und Dieter Thieme haben sich erhalten, da Johnson sie ihnen zurückgab. Ihre Transkription wird hier zum ersten Mal veröffentlicht.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 13.08.2010

Rezensent Jens Bisky ist beeindruckt von diesen unerwartet aufgetauchten Interviews aus Uwe Johnsons Recherche über DDR-Fluchthelfer, die aufgrund der vielen Erinnerungslücken der Interviewpartner nie zu dem geplanten Roman verarbeitet wurden. Zumindest von Johnson wurden diese Zeitdokumente auch gelöscht, aber nicht von seinen Gesprächspartnern. Zwar erweist sich die Lektüre angesichts der unbearbeiteten Gespräche als ziemlich schwierig. Die Entscheidung der Verlages, auf eine "geglättete Fassung" der Gespräche zu verzichten, findet der Rezensent jedoch richtig und gut und empfiehlt dem Leser, sich das Lesen zu erleichtern, indem er auf der Webseite des Verlages die Tonbänder mithört. Das gibt besser die "Atmosphäre jener Jahre" wieder. Sehr eindrucksvoll findet Bisky auch die ebenso "knappe wie schwer wieder zu vergessende" Erzählung 'Eine Kneipe geht verloren', die in dem mit "Hunderten Fußnoten" angereicherten Band zusätzlich zu finden ist.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.07.2010

Dieser Band ist ein Fund und besteht aus zwei Teilen. Der erste sind die Aufzeichnungen von Gesprächen, die Uwe Johson, eigentlich in Vorbereitung eines Romans, in den Sechziger Jahren mit zwei DDR-Fluchthelfern geführt hat. Was man darin über das Leben im Berlin seiner Zeit erfährt, findet der Rezensent Gerhard Schulz schon interessant, wenngleich nur bedingt: Um das wirklich erfassen zu können, müsse man diese Zeit wohl doch miterlebt haben. Beinahe ausführlicher geht Schulz dann auf den zweiten Teil ein, die mitabgedruckte Erzählung von Uwe Johnson, "Eine Kneipe geht verloren", in der die Atmosphäre der Zeit literarisch aufgehoben erscheint. Allein schon wegen dieses Stücks "knapper, kontrollierter und sorgfältig kalkulierter Prosa" lohnt sich offenkundig der Kauf dieses Bands.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 21.07.2010

Sven Hanuschek hat mit großem Interesse den Band mit zwei aufgezeichneten Interviews von Uwe Johnson mit Detlef Girrmann und Dieter Thieme, Mitgliedern der sogenannten Girrmann-Gruppe, die Hunderten von Flüchtlingen aus der DDR in den 1960er Jahren zur Flucht verhalf, gelesen. Er empfindet es zwar als schmerzliches Manko, dass der Band keine philologische Einordnung dieser Recherchegespräche in die mitabgedruckte Erzählung "Eine Kneipe geht verloren" und Johnsons Roman "Zwei Ansichten" versucht. Aber auch ohne dies findet er Johnsons Fragen, die ein außerordentliches Interesse an konkreten Details der Fluchthilfe verraten, ausgesprochen aufschlussreich. Der Schriftsteller wollte sowohl kleinste Einzelheiten der praktischen Vorbereitungen erfahren - waren die Fotos der Studentenausweise aufgeklebt oder geklammert? - als er sich auch genauestens nach den Gefühlen der Beteiligten erkundigte, stellt der Rezensent gefesselt fest. Johnson geht es dabei ganz offensichtlich nicht um individuelle Geschichten, sondern er sucht nach Hinweisen auf eine spezifische "ostdeutsche Mentalität", so Hanuschek. Einräumen muss er allerdings, dass diese Gespräche wegen ihrer Natur als reine "Arbeitsmittel" für den Schriftsteller nicht immer leichte Lektüre sind.