Uwe Johnson, Fritz J. Raddatz

Liebes Fritzchen - Lieber Groß-Uwe

Uwe Johnson - Fritz J. Raddatz: Der Briefwechsel
Cover: Liebes Fritzchen - Lieber Groß-Uwe
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2006
ISBN 9783518418390
Gebunden, 344 Seiten, 26,80 EUR

Klappentext

"Liebes Fritzchen" überschrieb Uwe Johnson den ersten Brief an Fritz J. Raddatz aus dem Jahr 1966. Die im Freundes- und engeren Bekanntenkreis geläufige Verkehrsform ist der humorvolle Ausdruck freundschaftlicher Nähe der beiden, die sich seit 1959 persönlich kannten. Im Gegenzug schrieb Raddatz: "Lieber großer Uwe Johnson", "Lieber große Uwe" oder, sehr häufig, "Lieber Groß-Uwe". In diesen Benennungen drückt sich eine Vertrautheit aus, die nicht zu unterschätzen ist, zumal Johnson als der Schwierige, als der Unnahbare galt. Dieser Briefwechsel, beginnend im August 1966, endend im August 1983, zwischen zwei ehemaligen Bürgern der DDR, gehorcht nur scheinbar den vorgegebenen Rollen der beiden: hier der Schriftsteller, dort der Verleger, Lektor, Herausgeber und Kritiker. Da die Korrespondenzpartner wissen, daß Literatur nicht im gesellschaftsfreien Raum stattfindet, sie doch gleichwohl dazu Distanz benötigt, um ihre Wahrheit präsentieren zu können, thematisieren ihre Briefe alle Aspekte der Literatur: ihre Entstehungsbedingungen, die Technik des Schreibens, die Kritik - nicht zuletzt die Politik. Als Persönliches zur Sprache gebracht wird, kommt es zum Zerwürfnis.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 11.09.2007

Hans Christian Kosler begrüßt diesen von Erdmut Wizisla herausgegebenen, ebenso "akribisch" wie "kenntnisreich" edierten Briefwechsel zwischen Uwe Johnson und Fritz J. Raddatz. Fast ist er ein wenig erstaunt darüber, dass diese Korrespondenz überhaupt stattgefunden hat, schließlich hätten die beiden in seinen Augen kaum verschiedener sein können. Kosler wundert denn auch nicht, dass der, wie er darstellt, großspurige, snobistische, urbane Feuilletonchef der Zeit und der zurückgezogene, schweigsame und prinzipientreue Groß-Epiker nie wirklich miteinander warm wurden. Er erkennt in Raddatz den tonangebenden Part in diesem Briefwechsel, berichtet über sein kumpelhaftes Werben um Johnson, die bereitwillige Ausbreitung seines Privatlebens, seinen Geltungsdrang, aber auch seinen Umgang mit eigenen Niederlagen, die er freimütig schildert. Der Bruch zwischen den beiden scheint Kosler vorgezeichnet, zumal er bei Johnson eine "fast schon provokante Zurückhaltung" konstatiert und ihn so gut wie nicht auf Raddatz eingehen sieht. Das Scheitern des Briefwechsels führt er letztlich nicht allein auf die Klatschsucht von Raddatz zurück, sondern auch auf die "Mimosenhaftigkeit" Johnsons und seinen Mangel an Selbstdisziplin.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 16.12.2006

Ein "Sittengemälde der späten Sechziger- und Siebzigerjahre" erblickt Alexander Cammann in diesem Briefwechsel zwischen Uwe Johnson und Fritz J. Raddatz, den Erdmut Wizisla herausgegeben hat. Er findet darin viel Aufschlussreiches über den Literaturbetrieb dieser Zeit mit seinem Klatsch, seinen Intrigen und Projekten. Dennoch sieht er in dem Band weit mehr als das Zeugnis "geschäftiger Vertratschtheit". Der Briefwechsel dokumentiert für ihn auch die schwierige Beziehungsgeschichte zweier unterschiedlicher Charaktere, die mit einem bitteren Zerwürfnis endete, als Johnson Raddatz vorhielt, Gerüchte um das Scheitern seiner Ehe befördert zu haben. Mit einem großen Lob bedenkt Cammann insbesondere die ausgezeichnete Kommentierung der 179 Briefe.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 06.12.2006

"Atemberaubend" fand Rezensent Jürgen Verdofsky, wie er durch diesen Briefwechsel zwei so verschiedene Charaktere und Temperamente lesend dabei beobachten konnte, wie sie sich immer wieder "wortnah" kommen. Zwar bieten die Briefe inhaltlich dem Kenner der Materie wenig Neues, schreibt Verdofsky. Trotzdem bewegen ihn die Briefe, das Werben der Männer um die Freundschaft des jeweils anderen, das Ausloten, was dieser Andere unter Freundschaft versteht, Gesten der Zuneigung und der Kränkung, die er darin beobachten kann. Besonders Fritz J. Raddatz erscheint ihm in diesem Briefen ungeschützt wie selten und im Spiegel von Uwe Johnsons Meinung plötzlich verletzlich und angreifbar. Daneben bewertet er Johnsons Briefe auch als Skizzen zu dessen Opus Magnum "Jahrestage", wird Zeuge von Solidaritätsbekundungen und Misstrauen gleichermaßen, sieht schließlich die Freundschaft an Johnsons Misstrauen scheitern und stellt sich in der Schuldfrage klar auf Raddatz' Seite. Dem Herausgeber Ermut Wizisla wird Sorgsamkeit bescheinigt. Lediglich seine Anmerkung, die "Erfahrung DDR" habe bei beiden Korrespondenten zu einer "gewissen Schwäche für Moral und die Leidenschaft für die Wahrheit" geführt, widerspricht der Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 21.11.2006

Trotz aller Zurückhaltung und einer gewissen Reserviertheit seitens Uwe Johnsons findet Helmut Böttiger den Briefwechsel zwischen dem Schriftsteller und Fritz J. Raddatz dennoch sehr "aufschlussreich". Der vorliegende Band enthält 179 Briefe, die sich die beiden zwischen 1968 und 1983 schrieben, bis es zum Bruch kam und die Korrespondenz vollends abbrach, informiert der Rezensent. Für ihn dokumentiert der Briefband zwei "Pole" des Literaturlebens, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass dem Rezensenten Raddatz in seinem letztlich doch vergeblichen Freundschaftswerben um den bewunderten Autor ein bisschen Leid tut.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.10.2006

Beim Lesen von Briefwechseln kann man sich wohlfühlen oder auch nicht. Hier tut man es nicht, befindet der Resensent Ernst Osterkamp über die Korrespondenz zwischen Uwe Johnson und Fritz J. Raddatz. Schon von Freundschaft zwischen den beiden Briefschreibern zu sprechen, wäre maßlos übertrieben. Lediglich Raddatz führe den Begriff, oft beschwörend, im Mund. Johnson dagegen habe sich den jungen Feuilletonprinzen vom Leib gehalten, bis sein "Rasiermesserbegriff von Freundschaft" und seine "Lust an schnellen Untergängen" im Jahr 1978 zum sauberen Schnitt geführt haben. Zu verschieden sind Johnson und Raddatz, sowohl in ihrer Wesensart als auch in ihrer "geistigen Statur", der eine gestelzt, schwierig und Distanz liebend, der andere selbstironisch und öffentlichkeitsgewandt. Insgesamt erfährt man nicht viel, stellt der Rezensent abschließend fest, weder vom bereitwillig Selbstauskunft erteilenden Raddatz noch vom diffizilen, wählerischen Schweiger Johnson.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 28.09.2006

Sehr ungewöhnlich und bewegend findet Rezensent Rolf Michaelis diesen Briefwechsel zwischen Uwe Johnson und Fritz J. Raddatz. Besonders Raddatz hat er "so ungeschützt" wie in seinen Briefen an Johnson noch nie erlebt". Doch nicht allein die Begegnung mit einem "ganz anderen" Raddatz, der ihm hier als von überraschend naiver Zutraulichkeit geprägter" Freundschaftssucher begegnet ist, machen für Michaelis den Reiz dieses Briefwechsels aus. Auch Uwe Johnson erscheint ihm als "Tagelöhner am Schreibtisch", der in Raddatz eher den Freund als den Verleger sucht. Die Dokumente dieser "einzigartigen", doch schließlich scheiternden Freundschaft, die diese Briefe für Michaelis' darstellen, beginnen mit üblichen Briefwechseln über dienstliche, also verlegerische Fragen. Bald spürt der Rezensent den Ton vertraulicher werden. Besonders Raddatz, damals Rowohlt-Chef, fällt ihm mit zartem Freundschaftswerben, aber auch als "Spürhund für Neues" auf, der schon ahnt, das Johnson etwas Großes schreibt, als dieser noch mit den Vorbereitungen seiner "Jahrestage" beschäftigt ist. Am Ende sieht der Rezensent beide Autoren, die sich jahrelang als "Fritzchen" und "Groß-Uwe" näher zukommen versuchten, wieder in ihre alte Einsamkeit zurückfallen.
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