Wie etablierten sich westdeutsche Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus in den 1980er Jahren als Lernorte? Die Gedenkstätten an den Orten nationalsozialistischer Verbrechen sind heute fester Bestandteil der Geschichtskultur und Sozialisation junger Menschen in Deutschland. In der alten Bundesrepublik wurden sie gegen erhebliche gesellschaftliche und politische Widerstände durchgesetzt. Wer waren die Menschen, die sich für diese Orte engagierten? Was trieb sie an und wie beeinflussten diese Prägungen die von ihnen entwickelte pädagogische Praxis? Ulrike Löffler zeigt, wie sich Gedenkstättenarbeit in Westdeutschland ausgehend vom Reflexionsstand der 1970er Jahre und als Folge der verstärkt ab 1980 eingerichteten Gedenkstätten entwickelte. Im Mittelpunkt stehen Begründungen, Ansätze, Ziele, und Methoden aus der formativen Phase der Gedenkstättenpädagogik. Angesichts schwieriger Rahmenbedingungen entfaltete sich eine heterogene, stark von den jeweiligen Akteur*innen abhängige Praxis, die Löffler erstmals übergreifend analysiert sowie anhand der Gedenkstätten Dachau und Neuengamme vertiefend betrachtet. Die Autorin leistet damit Grundlagenforschung zur Entwicklung und Pädagogik der Gedenkstätten. Mit dem Blick zurück auf die Anfänge lädt sie zur selbstreflexiven Weiterentwicklung der Gedenkstättenpädagogik ein.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.09.2026
Rezensent Holger Thünemann empfiehlt Ulrike Löfflers Dissertation über die Arbeit westdeutscher Gedenkstätten bis 1990 als starken Beitrag zum Thema, der nicht nur historisch einzuordnen weiß, sondern auch eine überzeugenden Überblick über das Selbstverständnis der Akteure und Gedenkstättendiskurse bietet. Hinzu kommen etwa Untersuchungen der pädagogischen Arbeit in den KZ-Gedenkstätten Dachau und Neuengamme sowie Überlegungen zu gesellschaftlichen Widerständen gegen die Angebote der Lernorte und mögliche Veränderungen der Bildungspraxis, erklärt der Rezensent. Für Thünemann eine gründliche, die nicht eben einfache Quellenlage meisternde Arbeit mit einem beeindruckenden Literaturverzeichnis.
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