Ulrich Kittstein unternimmt einen Streifzug durch die deutschsprachige Liebeslyrik zwischen dem Mittelalter und dem 21. Jahrhundert. In neun thematisch geordneten Kapiteln widmet er sich hochartifiziellen Kunstformen ebenso wie scheinbar spontanen Erlebnisgedichten. Er analysiert Liebesgedichte, die von erotischen Phantasien und sublimen Schwärmereien, von symbiotischen Zweierbeziehungen und Trennungsklagen, von Liebe und Tod und von der zerstörerischen Macht des Eros handeln. Dabei wird die Literaturgeschichte der Liebeslyrik mit der Entwicklung der Gesellschaft und ihrer Diskurse verknüpft: Liebesgedichte reagieren sensibel auf soziale Umwälzungen, auf neue Geschlechterrollen und auf den historischen Wandel der Normen, die das Sprechen über Sexualität regulieren. Ansätze der Psychoanalyse, der Diskursgeschichte und der Soziologie bilden das theoretische Fundament, mehr als neunzig repräsentative Gedichte aus zehn Jahrhunderten das plastische Anschauungsmaterial des Buches.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 26.05.2026
Rezensent Andre Hatting liest das Buch des Germanisten Ulrich Kittstein über Kontinuitäten in der Liebeslyrik mit Interesse und ein wenig Ernüchterung. Dass sich Motive durch die Jahrhunderte und über Nationalgrenzen hinweg gleichen, stellt der Autor laut Hatting fest und legt seine Arbeit daher nicht historisch, sondern motivgeschichtlich an. Anhand von fast 100 Gedicht-Interpreationen werden Zitate, Anspielungen und Motive wie Werben, Rausch und Abschied verfolgt, erklärt Hatting. Was sich ändert, sind nicht zuletzt die Moralvorstellungen, aber auch die Rolle der Frau, so Hatting. Dass der Autor schließlich ein eher trübes Zukunftsbild der Liebeslyrik zeichnet, die möglicherweise nur als ironisch-spielerische Variante Bestand haben könnte, macht Hatting ein wenig betroffen.
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