Für sein erfolgreiches Buch "Demenz" hat Tilman Jens heftig Prügel, Häme und wirre Anschuldigungen in den deutschen Feuilletons einstecken müssen. Er habe seinen Vater, Walter Jens, "vorgeführt", "einen Wehrlosen vom Sockel gestürzt" und "literarischen Vatermord" begangen so der Vorwurf an den "feigen Filius", den "missratenen Spross". Ebenso groß waren aber auch der Zuspruch und das Lob für sein "bewegendes", "bestechendes", "gelungenes" Buch. Vatermord ist ein besonders perfides Verbrechen, die wahrheitswidrige Bezichtigung eigentlich ein Straftatbestand. Auf eine Klage vor Gericht hat Tilman Jens dennoch verzichtet - und antwortet stattdessen mit einem Buch. Aus unterschiedlichen Perspektiven analysiert er das freudianisch bis heute brisante Delikt, das er niemals begangen hat.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 08.06.2010
Rezensent Arno Widmann erzählt von Kurzschlüssen in Bezug auf uns nicht einsichtige persönliche Verhältnisse. Walter und Tilman Jens zum Beispiel. Widmann gehörte nicht zur Kritiker-Meute, die Tilman Jens nach seinem Buch über die Demenz seines Vaters als Vatermörder verurteilte. Das nun vorgelegte Buch von Tilman Jens, das sich mit dem Verdacht des Vatermordes und mit Vater-Sohn-Konstellationen bei Goethe, Mann, Hasenclever, Mitscherlich u. a. befasst, versteht Widmann also nicht als an sich adressierte Antwort. Aber auch nicht als Selbsttherapie. Eher hat er den Eindruck, als leide der Autor durch das Verarbeiten der Kritiker-Schmähungen nur noch mehr. Widmann allerdings erkennt durch Tilmans Beobachtungen einmal mehr die Mechanik des Kurzschlusses. Von der Geschichte zur Mutmaßung über die Wirklichkeit.
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