Thorsten Becker

Der Untertan steigt auf den Zauberberg

Roman
Cover: Der Untertan steigt auf den Zauberberg
Rowohlt Verlag, Reinbek 2001
ISBN 9783498006211
Gebunden, 335 Seiten, 19,89 EUR

Klappentext

Vom Zauberer zum Patienten. Von der Kunst zum Wahnsinn. Eine ironische Visite bei der Familie Mann. Thorsten Becker lädt den Lübecker und die Seinen zum Stelldichein. Ort dieser Begegnung ist Orbeswenden, einst Künstlerkolonie, inzwischen Standort eines psychiatrischen Großbetriebs. Die großen Themen des "Zauberers": Tod, Kunst und Künstlertum, Thorsten Becker eignet sie sich an, indem er ihn zur Figur macht und die ausgefeilten Mittel seiner Ironie auf Thomas Mann selber anwendet.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 30.03.2002

Nach Art von E.T.A. Hoffmanns "Kater Murr" führt Thorsten Becker in seinem Roman zwei bei Lichte betrachtet kaum zusammen gehörende Geschichten parallel: da ist der, wie der Titel schon ahnen lässt, "Mann-Komplex" auf der einen Seite, eine verschlüsselte Worpswede-Geschichte auf der anderen. Nicht nur ist dem Autor, da lässt der Rezensent Martin Krumbholz keinen Zweifel, die Verknüpfung nicht gelungen, auch jeder Teil für sich ist ihm gänzlich missraten. Stilistisch bewegt sich das ganze, klagt Krumbholz, in der Nähe von Friederike Kempner, will heißen: des unfreiwillig und unbeholfen Komischen. Immerhin eine These hat der Rezensent nach längerem Suchen entdeckt, die nämlich, dass Romane ihrem Wesen nach "Seelenraubdichtungen" sind. Überzeugend findet er sie freilich nicht, an seinem alles andere als freundlich gemeinten Urteil, dass es sich hier um eine "unglaubliche Lektüre" handele, ändert sie daher nichts.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.02.2002

Besser als Breloers TV-Mehrteiler über die Familie Mann findet Edo Reents diesen Roman, in dem eine fingierte Erika Mann ihre Familiengeschichte erzählt, allemal. Wer sich erst durch den "stilistischen Mischmasch" des Buches gekämpft habe, so Reents, bekomme zur Unterhaltung schließlich auch die Erkenntnis. Vor allem die "innere Perspektive", die der Autor gewährt, hält Reents für gelungen, weil sie "uns einen Thomas Mann ausleuchtet, dessen größte ... nie bestrittene Schuld der 'Seelenraub' ist". Das unbefangene Vorgehen dabei habe der Autor der Mann-Forschung ("gegen die Becker manchen Hieb austeilt") außerdem voraus. Dass Becker an seinen geistigen Referenzpunkt, Manns Goethe-Roman "Lotte in Weimar", nicht heranreicht, erscheint dem Rezensenten halb so schlimm, geht es doch primär um das geistige Aneignungsverfahren. Dieses aber handhabe der Autor dreist genug, "dass er damit direkt zum produktiven Kern des Mannschen Problems vordringen kann: Wie kann sich geistige Größe auch menschlich achtbar halten".
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 13.12.2001

Reinhard Baumgart ist schon recht beeindruckt, was der Autor alles aufbietet: angefangen bei dem berüchtigten Thema "Genie und Wahnsinn" über einen "Psychokrimi" in der Familie Mann bis zu einer für den Roman zurechtgemachten Geschichte der Worpsweder Künstlerkolonie. Der Rezensent ist verblüfft, wie "gut" es dem Autor über weite Strecken gelingt, diese vielen Fäden parallel zu führen, aber so richtig überrascht es ihn nicht, dass Becker sich am Ende doch darin "verhaspelt". Baumgart entdeckt zwar einige "Jokusse" in dem Buch, findet die Lektüre aber zunehmend mühsam und verwirrend. Es sei nicht leicht auszumachen, was denn eigentlich Beckers "Absichten" sind, so der orientierungslose Rezensent. Seiner Ansicht nach haben sich hier "Scherz, Ironie und tiefere Bedeutung ... ineinander verheddert", so dass sie gar nicht mehr auseinanderzudröseln sind. Ein "gescheiter Jux", meint der Rezensent, durchaus unterhaltend und provozierend, aber eben auch "ermüdend".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 06.10.2001

Burkhard Müller beginnt seine Rezension mit einem langen Zitat aus dem Roman, das sich frappant wie Thomas Mann liest. Das aber, macht Müller gleich klar, ist keine Parodie, sondern voller Ernst, ein Fall von "gänzlicher Übermannung". Was kein Zufall ist: denn um Thomas Mann, genauer gesagt: die ganze Familie Mann mit Heinrich und Erika und Klaus und Golo und so weiter geht es. Die Manns werden allerdings mit ihren Figuren und auch miteinander amalgamiert, so etwa Klaus mit sich selbst und mit Erika zu einem "flotten mystischen Dreier" und irgendwann ist es soweit, dass der Rezensent ausruft: "Bitte keine weiteren Mergers!" Was das ganze, das noch um eine fiktionalisierte Geschichte der Künstlerkolonie Worpswede ergänzt ist, eigentlich soll, das allerdings ist Müller auch nicht ganz klar geworden. Einen "hochvertrackten Unsinn" nennt er es ganz folgerichtig - und bei der vermuteten Intention des Autors, er habe eine Art Roman-Essay über den "Seelenraub" schreiben wollen, den Thomas Mann an seiner Umgebung begangen hat, kann er auch nur den Kopf schütteln.
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