Thomas Steinfeld

Rauschen in der Nacht

Die Wildgans - eine Geschichte des 20. Jahrhunderts
Cover: Rauschen in der Nacht
Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2025
ISBN 9783737101974
Gebunden, 272 Seiten, 26,00 EUR

Klappentext

Als Sehnsuchtstier durchzieht die Wildgans die jüngere Geschichte. Als das Leben in den Städten des 19. Jahrhunderts schwer erträglich wird, weist sie den Weg in die Natur. In Selma Lagerlöfs Roman "Nils Holgerssons wunderbare Reise" eint sie die schwedische Nation, indem sie einem missratenen Knaben den Sinn von Gemeinschaft offenbart, was auch den deutschen Lesern zum Vorbild wird. Im Ersten Weltkrieg wird sie von den Soldaten in den Schützengräben besungen und ist wenig später in der europäischen Kultur allgegenwärtig: als Wappentier des Naturschutzes, als Heldin der Revolution bei Bertolt Brecht ebenso wie als "Charaktertier des Nordens" bei Bengt Berg, Tierfotograf und Schriftsteller, dessen Träume von germanischen Urlandschaften in die Ideologie des Nationalsozialismus eingehen, im Film, in der Kunst, nicht zuletzt in der Wissenschaft, wo der Zoologe Konrad Lorenz glaubt, in der Graugans die durch die Zivilisation bedrohten Fundamente menschlichen Zusammenlebens entdeckt zu haben. Überall, wo die Wildgans auftritt, wird sie zur Chiffre einer Welt im Umbruch. 

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 18.12.2025

Rezensent Franz Paul Helms freut sich über das kluge Buch, das der Journalist und Schriftsteller Thomas Steinfeld über Wildgänse verfasst hat. Am Anfang dieser kleinen Kulturgeschichte der Wildgans steht Selma Lagerlöfs "Nils Holgersson", den Steinfeld selbst neu übersetzt hat, und der zum Urbild europäischer Wildgansbegeisterung wird. Waren die damals vom Aussterben bedrohten Wildgänse zunächst Sehnsuchtsobjekte, so mutierten sie im 20. Jahrhundert zum Vorbild menschlichen Verhaltens - wobei die Geschichte der Wildgansobsession auch dunkle Seiten hat, etwa im Image der Tiere als germanische Ursymbole in der NS-Zeit. Überhaupt lernt der Kritiker hier allerhand über den menschlichen Blick auf Wildgänse, so erinnert Steinfeld etwa an Konrad Lorenz, der aus seinen Wildgansbeobachtungen fragwürdige anthropologische Thesen ableitete. Die Wildgänse selbst, auch das erfährt der Kritiker aus diesem klugen Buch, kümmern sich zum Glück kein bisschen um die teils kruden Ideen, die die Menschen auf sie projizieren.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.11.2025

Rezensent Joseph Hanimann watschelt begeistert neben dem deutschen Schriftsteller und der nordeuropäischen Wildgans - dem Sujet dieser bereichernd ausschweifenden Studie - durch die Zeitgeschichte. Auch wenn der Rezensent die Wahl der Gans als Symbolwesen größerer kultureller Zusammenhänge zunächst kurios findet, kann ihn die Gans in den Händen des Autors doch überzeugen. So liest Hanimann von der Gans als "Sehnsuchtswesen grenzenloser Wanderschaft" in der Literatur, etwa bei Theodor Storm, als Symboltier für die Bewusstseinsbildung im Kindesalter bei "Nils Holgerssons wunderbarer Reise" oder begegnet der Gans auch als wichtiges Studienobjekt der frühen Evolutionsbiologie. In einem locker-anekdotischen Stil vermische der Autor Persönliches und Nebensächliches elegant mit sachlich ausgebreitetem Wissen, das dabei jedoch nie pedantisch wirke. Dass der vielfältige Ansatz manche Themen, darunter die Tragweite des Darwinismus im 20. Jahrhundert, nicht ganz ausloten kann, stört den Rezensenten nicht. Er freut sich lieber darüber, dass ihn die zahlreichen Verweise und Querbezüge dazu motivieren, den Spuren der Gans auch außerhalb des Textes weiter zu folgen. 

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