Anfang Dezember 1801 machte sich Friedrich Hölderlin von Nürtingen auf nach Bordeaux. Ihn trieb, wie er schrieb, "die Herzens- und die Nahrungsnot". In Frankreich hoffte er endlich die Existenz aufbauen zu können, die ihm zu Hause immer versagt geblieben war. Die Winterreise sollte zum endgültigen Wendepunkt in seinem Leben und Schreiben werden: Das Vorhaben lässt sich gut an. Er wird freundlich empfangen und wohnt "fast zu herrlich". Doch schon nach wenigen Wochen lässt er sich wieder einen Pass ausstellen und kehrt zurück. Sein Zustand ist trostlos. Die Freunde in Stuttgart erkennen ihn schier nicht wieder. Er ist vollkommen erschöpft und erregt zugleich, "leichenblaß, abgemagert, von hohlem wildem Auge, langem Haar und Bart, und gekleidet wie ein Bettler." Was bloß war geschehen?
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 08.12.2011
Im Winter 1801 wanderte Hölderlin acht Wochen lang vom schwäbischen Nürtingen nach Bordeaux, um dort eine Stellung als Hauslehrer anzutreten. Sechs Monate später kam er in völlig verwirrtem Zustand zurück. Was war passiert? Niemand weiß es genau. Thomas Knubben hat sich jetzt zu Fuß auf dieselbe Reise begeben und nimmt den Leser dabei mit, erzählt Rezensentin Beatrice Eichmann-Leutenegger, die auf dieser Reise viel gelernt hat. Denn Knubben beschreibt nicht nur die Landschaft und die Sorgen um die nächste Unterkunft. Er flicht auch kulturgeschichtliche Essays über den Wandel in der Hölderlin-Rezeption ein und liefert eine kleine Geschichte Bordeaux, das Anfang des 19. Jahrhunderts eine kosmopolitische Handelsstadt war, deren Reichtum vor allem auf dem Sklavenhandel basierte. "Bewegt" beendet Eichmann-Leutenegger ihre Lektüre: Einige Stunden lang war sie dem lebenden Hölderlin sehr nah.
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