Thomas Kapielski

Kotmörtel

Roman eines Schwadronörs
Cover: Kotmörtel
Suhrkamp Verlag, Berlin 2020
ISBN 9783518127599
Taschenbuch, 410 Seiten, 20,00 EUR

Klappentext

Frowalt Hiffenmarkt aus Grollstadt-Sauger arbeitet rechtschaffen als Vertreter für eigentümliche Sanitärartikel, folgt einem starken Drang, an Bahnhöfen Reden zu halten und unterhält in Meppen ein Schreibrefugium, von dem nicht einmal seine Frau weiß. Der arglose Mann gerät auf so alberne wie unaufhaltsame Weise ins Gefängnis. Täglich wird er von einem offenbar nur für ihn zuständigen, räsonierwütigen Kommissar verhört. Wir erfahren davon in seinen Häftlingsaufzeichnungen, die ihre erschütternde Wahrkraft größtenteils einer ihm seit je zugewandten Brummspezies verdanken: einer Art Kotfliege (Scathophaga), die nach Sonnenuntergang Hiffenmarkts Hirn und Gedankenwelt überfällt und Schriftspuren hinterlässt ...

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.09.2020

Rezensent Uwe Ebbinghaus bedauert den Sturz Thomas Kapielskis in die Niederungen des Altherrenwitzes. Früher konnte der Autor noch kalauern und trotzdem zu einer Einsicht oder wenigstens Pointe gelangen, erinnert sich Ebbinghaus wehmütig. Das ist im neuen Buch nicht mehr so, dessen irrsinnige Waghalsigkeit der Rezensent darin erkennt, dass der Autor auf erzählerische Dramaturgie und Sinn gleich ganz verzichtet und gleich zwei Schwadronöre als Helden einführt. Für Ebbinghaus mindestens einer zu viel, auch wenn Jean-Paul-Bezüge und eine Fantastik wie bei Hoffmann ihn ab und zu doch ganz gut unterhalten.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 31.07.2020

Rezensent Paul Jandl hält Thomas Kapielski nach dieser Lektüre für einen Meister der Dialektik, die seinem Protagonisten und Alter Ego Frowalt Hiffenmarkt hier als Waffe des Schwadronörs dient. Für ein unbekanntes Verbrechen in Untersuchungshaft gesteckt, treibt Hiffenmarkt seine Gedanken über die Welt und die Moral vom Hundertsten ins Tausende, so Jandl. Dass bei diesem Daherreden auf über 400 Seiten dennoch nichts überflüssig ist und der Humor alle anderen Aspekte weit überstrahlt, wenn es etwa vom "Lüneburger Heidegger" zum "Holländer Gadamer" geht, würdigt der amüsierte Rezensent als große Kunst eines "ausgebufften Moralisten".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 24.07.2020

Rezensent Harry Nutt versucht gar nicht erst, Thomas Kapielskis neuem Roman auf Handlungsebene beizukommen. Als viel sinnvoller erweist es sich laut Rezensent, Kapielski auf seinen Wortwitz und seine Abschweifungskunst hin zu lesen. Das führt natürlich weit, meint Nutt, vom schelmischen Helden des Textes, einem Handelsvertreter für Busenbürsten zwischen Paderborn und Schweinfurt über "lebenskluge Nachtgedanken" bis zu Hölderlin. Dass der Autor sein Buch auch mit Fotos und Gezeichnetem anreichert, scheint Nutt ebenso zu gefallen wie Kapielskis "schwadronöse" Weitschweifigkeit.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 18.07.2020

Rezensent Peter Funken verspricht, dass "Weltweisheit und Weltdoofheit" in diesem Roman gnadenlos nebeneinanderstehen. Die Geschichte, in der ein meinungsstarker Mann unwissentlich zum Kurier illegaler Waren wird, dient dem Autor ziemlich unverhohlen dazu, seine Meinung zum gegenwärtigen Zustand der Welt kundzutun, so Funken. Der Kritiker fand Kapielskis Schwadronieren sowohl sprachlich als auch inhaltlich stellenweise sehr gelungen und dann wieder völlig daneben. Ihm zufolge übersieht der Autor bei seiner Dauernörgelei über die heutige Jugend, ihre Sitten und ihre Sprechverbote eindeutig, dass die Gegenwart auch sehr viele Chancen bietet.
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