Aus dem Ungarischen von Timea Tankó. Budapest, Mitte der sechziger Jahre. Ein Schriftsteller stößt auf die seltsam anziehende Fotografie einer jungen Frau. Ihre zarte Schönheit verbirgt Entsetzliches: Piroska, die "Vampirin von Töröks zentmiklós", wurde zehn Jahre zuvor für den Mord an fünf Mädchen hingerichtet. Der bizarre Fall hatte zunächst hohe Wellen geschlagen, wurde aber überraschend schnell für erledigt erklärt. Gebannt geht der Erzähler der Sache nach: Er reist an den Ort des Geschehens, stöbert Zeugen auf, stößt auf widersprüchliche Aussagen. Fest steht nur, dass Piroska sich als Prostituierte bei den nahe stationierten, unantastbaren Sowjetsoldaten verdingt hat. Aber dann erfährt er von einem Militärgürtel, der bei den Leichen lag - und blickt in die dunkle Seele der Stadt, in ein Gestrüpp von Angst und Lüge, Schweigen und Schuld.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 25.04.2015
Ebenso mysteriös wie faszinierend findet Jörg Plath den von Timea Tanko grandios ins Deutsche übersetzten Roman "Der Eisengel" des erst kurz vor seinem Tod wiederentdeckten ungarischen Autors Szilard Rubin. Der Rezensent dringt hier in die anhand von jahrzehntelanger Recherche und mit einer Portion Fiktion erzählte Geschichte um die junge, bildschöne Mutter und fünffache grausame Kindsmörderin Piroska, deren Foto Rubin in einem Kriminalmuseum zum ersten Mal entdeckte und sich zeitlebens in unerklärlicher Obsession zu ihr hingezogen fühlte, ein. Gebannt liest Plath wie Rubin in kurzen, dichten Szenen und in verschiedenen Tonlagen zwischen Zeugenaussagen, Leerstellen und eigenen Nacherzählungen hin- und herswitcht und mit diesem "doppelbödigen" Roman das Rätsel um Piroska an den Leser weitergibt.
Jan Küveler findet in diesem Dokumentarroman von Szilárd Rubin, dessen Doppelbödigkeit vom Horror hin zum Religiösen er schätzt, die gleiche zarte Melancholie wie bei Antal Szerb oder Ernö Szép. Die minutiöse Rekonstruktion eines Kindermordes in den 50er Jahren lebt laut Küveler nicht zuletzt von den dichterischen Freiheiten, die der Autor sich nimmt, wenn er etwa die Hochzeit seines Erzählers mit der Mörderin imaginiert. Gerade das "Phantasma", dass nichts in diesem Text wirklich sicher ist, fasziniert den Rezensenten am meisten.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 17.12.2014
Was für ein Buch?, fragt Judith von Sternburg sich beim Lesen von Szilárd Rubins Roman. Kafkaeske Motive erkennt sie darin, eine merkwürdige Geschichte aus den 60er Jahren im kommunistischen Ungarn, die Geschichte einer Mörderin, ein KGB-Skandal. Das alles schon, nur wer erzählt hier eigentlich und wie steht es um die Chronologie? Fragen, auf die Sternburg keine Antwort weiß. Nur eines weiß sie genau: Hinter der Formlosigkeit im Buch steht kein Formwille.
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