Philipp Schönthaler

Vor Anbruch der Morgenröte

Erzählungen
Cover: Vor Anbruch der Morgenröte
Matthes und Seitz Berlin, Berlin 2017
ISBN 9783957574046
Gebunden, 213 Seiten, 20,00 EUR

Klappentext

Als Joseph Paul Jernigan am 5. August 1993 hingerichtet wird - vor Sonnenaufgang, wie es das texanische Gesetz vorschreibt -, ahnt noch niemand, dass dies seine Wiedergeburt einläutet, die ewiges Leben bedeutet. Denn Jernigans Körper besitzt ideale Eigenschaften, um als erster Mensch digital rekonstruiert zu werden. Und so betritt der als Mörder Verurteilte 2002 als sein eigener Avatar den Cyberspace und wird damit zum ersten digitalen Untoten der Geschichte. Dies ist eine von sieben Erzählungen, in denen uns Philipp Schönthaler in eine Welt führt, die gerade im Entstehen begriffen ist. Jede dieser Erzählungen ist Teil einer Archäologie des neuen Menschen, mit der Schönthaler die umwälzenden Veränderungen unserer Zeit und der ihr zugehörigen Digitalität zu verstehen versucht.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 07.07.2017

Begeistert bespricht Rezensent Oliver Pfohlmann Philipp Schönthalers neuen Erzählband "Vor Anbruch der Morgenröte". Die Erzählungen, die allesamt in der nahen Zukunft spielen, seien mal so unerbittlich wie Kleist, mal so klaustrophob wie Kafka und dabei doch immer sprachlich unbedingt ganz in der Gegenwart, so der Rezensent. Besonders gefallen haben Pfohlmann zwei Geschichten: die Titelgeschichte handelt von einem Mörder, der nach seiner Hinrichtung im Rahmen eines Medizinprojekts in "ganz dünne Querschnitte" zersägt wird, anschließend gescannt und am Rechner dreidimensional wieder zusammengesetzt wird - ein "digitaler Wiedergänger", fasst der Rezensent zusammen. Die beste Geschichte sei aber "Der Schweiß der Sonne", findet Pfohlmann, der hier erlebt wie eine über ihr Konsumglück bloggende Mutter durch eine fehlende Lieferung mit ihrer Familie in den Abgrund stürzt. 

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.06.2017

Rezensent Oliver Jungen fühlt sich an Kathrin Röggla und Rainald Goetz erinnert durch die Erzählungen von Philipp Schönthaler. Doch ganz so gut wie die Gennanten seziert der Autor seine Figuren in der schönen, neuen, smarten Technomedienmoderne doch nicht, findet der Rezensent. Ob ein Avatar zum Menschen wird, eine Drohne eine Epiphanie auslöst oder die Mensch-Maschine-Logik auf andere Weise gebrochen und angezweifelt wird, wie der Autor die Risse im System aufzeigt, findet Jungen nicht durchgängig überzeugend. Allzu plakativ und erkenntnismäßig trivial ist das oft, auch wenn sich der Leser in den Figuren immer wieder selbst erkennen kann, meint er.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 27.04.2017

Rezensent Hans-Peter Kunisch ist ganz allein mit dem Geschehen in Philipp Schönthalers Erzählungen, für ihn ein Vorzug zumindest einiger der enthaltenen Texte. Dass der Autor klassisch literarisch, stilistisch konsequent und mit Kenntnis seiner Sujets erzählen kann, steigert den Reiz für den Rezensenten außerdem. Ob Schönthaler einen launigen Bericht aus dem Leben der Kreativen liefert und intelligent Gegenwart abbildet oder, wie in der Titelgeschichte, nahezu sachlich vom digitalen Nachleben eines zum Tode verurteilten Mörders erzählt, stets balanciert der Autor zwischen Literatur und Essayismus, meint Kunisch, und erkundet damit die Möglichkeiten jenseits des normierten Erzählens.
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