Sven Reichardt

Faschistische Kampfbünde

Gewalt und Gemeinschaft im italienischen Squadrismus und in der deutschen SA
Cover: Faschistische Kampfbünde
Böhlau Verlag, Köln 2002
ISBN 9783412131012
Gebunden, 814 Seiten, 59,00 EUR

Klappentext

Das Buch behandelt den Aufstieg der faschistischen Massenbewegungen in Italien und Deutschland vor dem Machtantritt Mussolinis und Hitlers. Erstmals wird hier ein systematischer Vergleich der politischen Praxis des italienischen Squadrismus und der deutschen SA vorgelegt. In beiden faschistischen Kampfbünden diente die Ausübung von Gewalt sowohl dem propagandistischen Appell nach außen als auch der Gruppenbindung nach innen. Ausmaß und Form der Gewalthandlungen werden ebenso untersucht wie die soziale Zusammensetzung, der interne Organisationsalltag und die politische Kultur beider Kampfbünde. Die Kampfbünde waren sowohl durch bündische, militärische als auch parteimäßige Strukturen geprägt. Dadurch existierten in den faschistischen Bewegungen vielfältige Machtkonkurrenzen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 31.01.2003

Rezensent Arpad von Klimo zeigt sich recht angetan von Sven Reichardts Untersuchung über das Aufkommen des italienischen und deutschen Faschismus nach dem Ersten Weltkrieg. Dem Berliner Historiker ist es nach Ansicht Klimos gelungen, verschiedene Erklärungsversuche zu einem "komplexen, aber sehr überzeugenden Bild" des Faschismus als einer "eigenartigen politischen Bewegung" zusammenzufügen. Klimo hebt hervor, dass Reichardt eine Faschismusdeutung vorlegt, "in die neuere historische, soziologische, ethnologische und geschlechteranalytische Erkenntnisse einfließen." Er zeige die verschiedenen Funktionen und Aspekte von Gewalt auf, die diese in der deutschen SA und bei den italienischen Squadristen, der Kampforganisation der faschistischen Partei Italiens, hatte. Überzeugend findet Klimo dabei insbesondere Reichardts Darlegung der politischen Gewalt als Habitus der Faschisten. Zudem hält er Reichardt zu Gute, dass er in seiner "durch statistisches Material, zahlreiche Polizei- und Gerichtsakten sowie Mikrostudien gesättigten Studie" mit dem von Ernst Nolte verbreiteten Mythos einer faschistischen "Antwort" auf eine drohende rote Revolution aufräume. Zum Bedauern Klimos ist allerdings das Buch nicht ganz einfach zu lesen. Bei allen "gelungenen und sehr wichtigen Mikrostudien" fehle leider ein wenig die Durcharbeitung des Textes, moniert Klimo. So bleibt es für den Rezensenten ein "ungeschliffener Diamant".

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 22.01.2003

Seit längerem schon kommen die relevanten Faschismusstudien aus Großbritannien, bemängelt Stefan Breuer, Deutschland und Italien produzierten dagegen bloß interessante Einzelforschungen. Erstmals hat nun ein deutscher Historiker eine vergleichende Studie geschrieben, die Breuer vorab als "Meisterwerk" tituliert, weil es ihr gelinge, den Faschismus als "politisches Phänomen sui generis" zu betrachten. Reichardt nähert sich dabei seinem Phänomen über die Ebene der politischen Praxis und nicht etwa über deren Programmatik, schreibt Breuer. Viele Befunde dieser "materialgesättigten" Studie seien nicht neu, doch gelinge es Reichardt immer, sie durch seine eigenen Quellenstudien zu überprüfen und dabei nuancenreich zu modifizieren, so dass sein Buch nie "schulmäßig und ergo überraschungslos" wirke. Allerdings hat auch dieses meisterliche Buch seine Grenzen, gesteht Breuer zu, es nähere sich eben dem Faschismus als Bewegung, nicht aber als Regime an. Das erfordere allerdings andere Mittel, als die, die Reichardt für seinen Bereich glänzend einzusetzen gewusst habe.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 12.12.2002

Sven Reichardts monumentale Studie über "faschistische Kampfbünde" in Deutschland und Italien verdient für Wolfgang Sofsky viel Beachtung. Der Rezensent hält es für plausibel, die beiden Kampfbünde unter dem Aspekt der "Gewalt als Lebensform" zu vergleichen. Der methodisch ausgewogene Vergleich kann auf einer reichhaltigen Quellengrundlage überzeugend darlegen, wie für die Bünde die Politik nur in der "Fortsetzung des Krieges mit den Mitteln des Terrors" bestand. Reichardts These, den Aktionismus als ausschlaggebend für die Anziehungskraft der faschistischen Bewegung zu erachten, hält Sofsky für gut begründet. Gleichwohl aber trägt Sofsky ausführlich Einwände gegen Reichardts "konventionellen" Ansatz vor, Gewalt aus dem sozialen Milieu der Akteure abzuleiten. "Nicht die Sozialstruktur, sondern die sozialen Beziehungen innerhalb der Bünde forcierten die Gewalttätigkeit", fasst Sofsky seine Kritik zusammen.
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