Wie sehr prägen uns Herkunft und Kindheit? Gibt es ein zweites Leben über die alten Erfahrungen hinaus? Eine Spurensuche. Heinrich ist ein kreativer Kopf, erfolgreicher Architekt und Unternehmer. An seinem Zeichentisch entwickelt er zukunftsweisende Ideen. Er stammt aus schwierigen Verhältnissen: Als einziges Kind einer geschiedenen Frau und Angehöriger der deutschen Minderheit wächst er in einem Armutsviertel einer polnischen Kleinstadt auf. Als die Deutschen im Herbst 1939 einmarschieren, eröffnen sich dem Jugendlichen Aufstiegschancen, die im Kriegseinsatz und russischer Gefangenschaft enden. 1949 gelangt er nach Westdeutschland, wo er eine Familie gründet und ihm eine schwindelerregende Karriere gelingt. Seine ungeliebte Herkunft aber verfolgt ihn über seine Erfolge hinaus. Die Geschichte beginnt mit einem Unfall: Ein großer Spiegel geht zu Bruch. Kurz zuvor hatte der kleine Heinrich seine Zukunft darin erblickt, die nun verloren scheint. Es sei denn es gelänge, die Scherben wieder zu einem Ganzen zu fügen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.07.2023
Susanne Fritz und ihre Ich-Erzählerin begeben sich auf Spurensuche nach der Geschichte des Vaters, Heinrich, berichtet Rezensent Jochen Schimmang: Der wird als Kind brutal von seinem Vater verprügelt, das sorgt dafür, dass er sich später nicht mehr an diese Zeit erinnern will. Als junger Mann lässt er sich, Angehöriger der deutschen Minderheit in Polen, an die Ostfront versetzen, darauf folgt Kriegsgefangenschaft. Auch das will er verdrängen, die Tochter muss alles mühsam wieder ergründen. Irgendwann während der Nachkriegszeit scheinen der rote Faden und die Motivation zum Erzählen aber ein bisschen verloren zu gehen, stellt Schimmang fest, das ändere sich erst im Schlusskapitel, das nochmal gründlich nachbohre. Das Buch ist "etwas Besseres" als ein Besinnungsaufsatz, resümiert der Kritiker. "Zum Glück", sagt er noch. Ob das wirklich eine Leseempfehlung ist?
Susanne Fritz hat ein interessantes Vaterbuch geschrieben, konstatiert Rezensentin Gisa Funck. Es geht um einen Architekten und Friedensaktivisten, der erst kurz vor seinem Tod erzählt, was ihm von seiner Jugend in Polen bis zur Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft widerfahren ist und warum er seine Traumata bis zur Selbstvergessenheit von sich schob. Exemplarisch für eine ganze Generation, findet Funck, sei dieses Schicksal, das auch die Nachgeborenen noch in sich tragen. Wie im Buch über ihre Mutter habe die "literarische Spurensucherin" Fritz die Auswirkungen auf die Nachkriegsgeneration auch in den Mittelpunkt ihres neuen Romans gestellt. Dass sie wieder stilistisch assoziativ erzählt, ist für die Rezensentin gewöhnungsbedürftig, weil sie gefordert wird, ein Puzzle zusammenzusetzen. Multiperspektivik und die Verwendung von "Traumbildern" verhindern allerdings, dass das Buch zur "Verklärung" oder "Abrechnung" mit dem Vater gerät, fügt die Kritikerin hinzu. Ein Buch, das sie so schnell nicht vergisst.
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