Francesca Melandri

Kalte Füße

Roman
Cover: Kalte Füße
Klaus Wagenbach Verlag, Berlin 2024
ISBN 9783803133670
Gebunden, 288 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Aus dem Italienischen von Esther Hansen. Ein Militärlazarett in Venedig. Desinfektionsmittel, Fieberschweiß, der unerträgliche Gestank von Wundbrand. Der Sohn liegt im hintersten Bett, er schläft. Die Mutter hebt die Decke am unteren Ende an. Zwei Beine, zwei Füße. Eins, zwei, drei, sie zählt die Zehen - bis zum zehnten. Vorsichtig legt sie die Decke zurück: Endlich kann sie in Ohnmacht fallen.Im Winter 1942/43 flohen italienische Soldaten in Schuhen mit Pappsohlen vor der Roten Armee, Zehntausende erfroren. Der "Rückzug aus Russland" hat sich als Trauma im kollektiven Gedächtnis Italiens eingebrannt - auch in der Familie von Francesca Melandri. Ihr Vater hat ihn überlebt. Doch erst als Anfang 2022 Bilder und Orte des Kriegs in der Ukraine omnipräsent sind, wird ihr klar: Es ist vor allem die Ukraine, in der der Vater gewesen ist. Was hat er dort wirklich erlebt, warum war er überhaupt dort?

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 15.11.2024

Francesca Melandri hat mit "Kalte Füße" ein Erinnerungsbuch geschrieben, das zugleich auch Meinungsbuch ist - nachdrücklich, schonungslos und klug konstruiert, stilistisch einfach, stellenweise leider etwas "verplappert und emotional überschießend", aber alles in allem wirkungsvoll, resümiert Rezensentin Gisa Funck. Woran Melandri uns und vor allem ihre Landsleute am Beispiel der Geschichte ihres Vaters erinnert: die Mitschuld der Italienerinnen und Italiener an den faschistischen Verbrechen, vor allem: den Einmarsch italienischer Truppen in die Ukraine, von welchem man in Italien allerdings nur noch das erbarmungswürdige Ende erzählt. Ein bequemer Opfermythos, so Melandri und stellt ihren verstorbenen Vater stellvertretend zur Rede. Und hier kommen wir zur geschickten Konstruktion: Indem Melandri ihre Kritik in ein Gespräch mit dem Vater fasst, entgeht sie dem Duktus der moralisch erhabenen Anklage, dem ein solches Buch sonst leicht verfallen könnte, so Funck. Dieser Autorin geht es nicht darum anzuklagen, sondern zu verstehen, lesen wir. Wobei Verständnis allein auch nicht reicht, dies macht die Autorin unmissverständlich deutlich. Es gilt, die richtige Lehre aus der Vergangenheit zu ziehen, und die eigenen Werte im Zweifel auch zu verteidigen, wie zum Beispiel - und da kommt nun die Meinung ins Spiel: im Verteidigungskrieg der Ukraine gegen Russland.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 22.10.2024

Ein beeindruckendes Buch über ihren Vater und einiges mehr hat Francesca Melandri Rezensent Paul Jandl zufolge verfasst. Drei verschiedene Argumentationslinien macht Jandl in dem Buch aus: zum Einen gehe es um den russischen Angriffskrieg in der Ukraine der Jetztzeit, zum Anderen schreibe Melandri über die Lebensgeschichte des Vaters, dessen Lebensweg sie mit historischen Erfahrungen vom Kolonialismus über Kämpfe italienischer Truppen in der Ukraine im Zweiten Weltkrieg bis zum politischen Terrorismus der 1970er verbindet, und schließlich enthalte das Buch außerdem persönliche Erinnerungen an den im Privaten feingeistigen Vater. Verhandelt wird dabei unter anderem die Frage, beschreibt Jandl, weshalb italienische Truppen überhaupt an der Seite Nazideutschlands in der Ukraine zugange waren. Melandri gibt Anekdoten ihres Vaters wieder, heißt es weiter, die beschreiben, wie die Italiener die russischen Truppen überlisteten, unter anderem indem sie Wolfsgeheule nachahmten, sie muss aber auch erkennen, dass der zeitlebens verschwiegene Vater durch seine Kriegserlebnisse keineswegs zum Antifaschisten wurde. Insgesamt ein Buch, das zeigt, wie die Wahrheit sich in immer neuen Lügengebilden verliert, meint Jandl, und außerdem ein hervorragendes politisches Buch gerade für unsere Zeit.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.10.2024

Rezensentin Christiane Pöhlmann lobt Francesca Melandris essayistischen Ansatz, der in ihrem neuen Buch ihre Ratlosigkeit im Umgang mit dem Krieg in der Ukraine und der europäischen Linken widerspiegelt. Ihren Überlegungen gibt sie die Form eines Briefs an ihren verstorbenen Vater, der in Zeiten des italienischen Faschismus auf der "falschen Seite" stand und in vielen ukrainischen Städten gekämpft hat, die auch heute wieder unter Beschuss stehen, resümiert die Kritikerin. Melandri, so Pöhlmann, nutzt diesen persönlichen Zugang, um ihre eigenen politischen Überzeugungen und den Ukraine-Krieg zu reflektieren. Einen besonderen Eindruck hinterlässt die Autorin auf die Kritikerin mit ihrer Art, ihre eigene linke Haltung zu hinterfragen: Pazifismus und Antiimperialismus bedeuten für sie nicht länger, automatisch gegen den Westen zu sein. Vielmehr müsse auch Russland als koloniale Macht erkannt werden, lesen wir. Dass die westliche Linke allzu oft blind gegenüber Putins Handlungen bleibt und die eigenen Errungenschaften kleinredet, diagnostiziert die Autorin treffend, lobt Pöhlmann. Ein Buch, das "mit der gebotenen Dringlichkeit" formuliert ist, schließt die Kritikerin.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 12.10.2024

Francesca Melandri nervt in ihrem neuen Buch, findet Rezensentin Anna Vollmer, aber es ist gut, dass sie nervt. Denn die Autorin ist den Lebenslügen auf der Spur, die, lesen wir, nicht nur in Italien allgegenwärtig sind. Konkret geht es um den Vater der Autorin, ebenfalls ein Schriftsteller, der Melandri in deren Jugend oft davon erzählte, wie er im Zweiten Weltkrieg mit seiner Kompanie in Russland die Rote Armee hereinlegte. Bei solchen Erzählungen fällt einiges unter den Tisch, erläutert Vollmer mit Melandri, unter anderem die Tatsache, dass die Italiener an der Seite von Nazideutschland kämpften, und dass der Ort, an dem sie kämpften, nicht Russland, sondern die Ukraine war. Melandri setzt sich also kritisch mit ihrem Vater auseinander, beschreibt Vollmer, befragt dessen Erzählungen und auch sein literarisches Werk, aber genauso die eigenen Erinnerungen, zur Sprache kommen dabei auch Themen wie der Kolonialismus, von dem in Italien viele nichts wissen wollen. Der aktuelle Anlass des Buches ist laut Rezensentin der russische Angriff auf die Ukraine, und die vielleicht einzige Schwachstelle des Buches besteht darin, dass die sonst so klug differenzierende Autorin die Ukrainer einseitig und parteiisch überhöht. Insgesamt jedoch gefällt es Vollmer außerordentlich gut, wie Melandri hier den Staub der Vergangenheit aufwirbelt, ohne dabei zur unerbittlichen Richterin zu werden - tatsächlich scheint auch Liebe zum Vater durch in diesem zur gründlichen Reflexion der eigenen Überzeugung auffordernden Buch.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 12.10.2024

Rezensentin Carolin Gasteiger besucht Francesca Melandri im südtirolerischen Bruneck, der zweiten Heimat der römischen Autorin, um mit ihr über Vergangenheitsbewältigung und Politik zu sprechen. Denn darum geht es im neuen Roman, der, wie Gasteiger festhält, ein "Wagnis" ist: Franco Melandri, Vater der Schriftstellerin und Drehbuchautorin, kämpfte als Teil der faschistischen Armee Mussolinis im Zweiten Weltkrieg gegen die Sowjetunion, bevor er nach Zerschlagung des italienischen Heeres floh. Mit Ausbruch des Kriegs in der Ukraine glich  Tochter Francesca die Erfahrungen des Vaters an der Ostfront, die dieser in den Siebzigerjahren ebenfalls niederschrieb, mit der Gegenwart ab und verfasste diesen Roman in Briefform an den verstorbenen Vater, erfahren wir. Das Ergebnis ist eine so offenherzige wie bewegende Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte, mit dem Vater, der einst mit den Angreifern marschierte, aber auch mit der Rolle der Westeuropäerin, die nie den Krieg am eigenen Leib erfuhr, lobt die Rezensentin, die nicht zuletzt ein intensives Buch über Krieg und Frieden, Schuld und Verantwortung empfiehlt.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 05.10.2024

Für die Italienerin Francesca Melandri war der Russische Angriffskrieg auf die Ukraine ein entscheidender Anlass, um sich auf eine literarische Spurensuche zu begeben, die auch eine Abrechnung ist - eine posthume Abrechnung mit ihrem eigenen Vater, dem faschistischen Journalist Franco Melandri, und vor allem: Eine Abrechnung mit Italien und seiner gemütlich faulen Geschichtsvergessenheit, weiß Rezensentin Sigrid Löffler. Denn statt Aufarbeitung fand und findet sowohl in Melandris Familie als auch in der italienischen Gesellschaft nur die stete Reproduktion von Mythen, witzigen Kriegsanekdoten und eines verlogenen Opfernarrativs statt. Mit zornig aufklärerischem Impetus bemüht sich Melandri nun, all diese Lügen und beschönigenden, verharmlosenden Erzählungen aufzudecken und zu dekonstruieren, die Italienerinnen und Italiener mit der Wahrheit zu konfrontieren, etwa dieser: Dass der Russlandkrieg etwa eigentlich kein Krieg gegen Russland war, sondern eine Plünderungsfeldzug gegen die Ukraine. Doch Melandri hat nicht nur Kritik zu bieten, sondern auch einen echten, rechtschaffenen Helden, den Antifaschisten und Kollegen ihres Vaters Massimo Rendina, der ihren Vater einmal einen "anständigen Faschisten" nannte - das Wohlwollendste, was man über Franco Melandri sagen kann, vermutet die Rezensentin nach dieser aufschlussreichen Lektüre.

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