Martin Piekar

Vom Fällen eines Stammbaums

Roman
Cover: Vom Fällen eines Stammbaums
Rowohlt Verlag, Hamburg 2026
ISBN 9783498007461
Gebunden, 464 Seiten, 26,00 EUR

Klappentext

Marcin wächst auf in prekären Verhältnissen: Seine Mutter floh in den 1980ern aus Polen nach Deutschland, um ihn, ihr zweites Kind, hier großzuziehen. Sie arbeitet hart als Altenpflegerin, sie trinkt zu viel, und irgendwann sieht sie in ihrem Sohn nur noch den Antagonisten. Währenddessen versucht Marcin, mit Videospielen, Nu Metal und Gedichten herauszufinden, wer er ist und hier in Deutschland sein kann.  In dieser Spannung leben die beiden mit- und gegeneinander.Erst spät im Leben - die alternde Mutter ist schwer krank, und Marcin pflegt sie - offenbart sich die Familiengeschichte in Gänze: eine Lebenserzählung zwischen Anekdote und Abgrund. Der Krieg ist nicht vorbei. Kein Krieg ist je vorbei. 2023 fand Martin Piekar mit einem Auszug aus diesem Roman beim Bachmann-Preis in Klagenfurt begeistertes Echo; er wurde mit dem Robert-Gernhardt-Preis 2024 ausgezeichnet und war 2025 für den Alfred-Döblin-Preis nominiert.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30.05.2026

So packend und griffig wie Martin Piekar hat für Rezensentin Susanne Romanowski noch niemand die polnische Migrationserfahrung auf den Punkt gebracht: "Das Gefühl nenne ich Bastard", zitiert Romanowski begeistert und ist auch sonst im positiven Sinne erschlagen von der Treffsicherheit, Ambivalenz und Härte, mit der der Lyriker in seinem Prosadebüt von seiner Familiengeschichte erzählt: die Familie, das ist seine polnische Mutter Regina, die sich in Deutschland zwar "nur" als Pflegekraft kaputtarbeitet, ihre Heimat und Vergangenheit aber trotzdem nur vergessen will und sich schließlich so dem Alkohol hingibt, dass ihr Sohn Marcin sie pflegen muss. Spannend findet die Kritikerin vor allem, wie beharrlich Piekar dabei am Zwischensprachlichen festhält, auch an sämtlichen Fehlern (z.B. "Nachts fahren keine Ziege"). Das sei zwar nicht einfach zu lesen, aber macht den Roman für Romanowski nur umso authentischer. Auch wie Piekar zwischen der erdrückenden Last auf allen Seiten trotzdem das Bewahrungswürdige der Mikro-Familie hervortreten lasse, wie er Freundschaften und die Kunst als Lichtblicke für den Protagonisten beschreibt, findet die Kritikerin wunderschön. Nur die kursiv zwischengeschalteten Songtexte findet sie dabei teilweise "überflüssig". Für sie insgesamt aber ein wuchtiger Roman, der gelungen auf kleinem Raum die "Gewalt eines ganzen Jahrhunderts" erzählt.