Sten Nadolny

Weitlings Sommerfrische

Roman
Cover: Weitlings Sommerfrische
Piper Verlag, München 2012
ISBN 9783492054508
Gebunden, 224 Seiten, 16,99 EUR

Klappentext

In einem Sommergewitter kentert das Segelboot des angesehenen Berliner Richters Wilhelm Weitling. Er kommt nur knapp mit dem Leben davon, muss aber feststellen, dass ihn sein Unfall fünfzig Jahre in die Vergangenheit zurückgeworfen hat. Neugierig, aber auch mit sanfter Kritik begleitet er den Jungen, der er einmal war, durch die Tage nach dem Sturm. Wer ist er damals gewesen? Und wie konnte aus diesem Menschen der werden, der er heute ist? Muss er die Erinnerung an seine Eltern, seine erste Liebe, seine Berufswahl, sein ganzes Leben revidieren? Und wird er zu seiner Frau und in sein altes Leben zurückkehren dürfen? Sten Nadolny entführt uns auf eine philosophische Zeitreise, die seinen Helden zu unverhofften Erkenntnissen führt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 29.06.2012

Der pensionierte Richter Wilhelm Weitling gerät bei einem Segeltörn auf dem Chiemsee in einen Sturm, wird vom Blitz getroffen und findet sich in die Fünfziger Jahre zurückversetzt,  als "Geist aus der Zukunft" für den sechzehnjährigen Willy, so fasst Martin Haller die Geschichte von Sten Nadolnys neuem Roman "Weitlings Sommerfrische" zusammen. Wie der Name suggeriert, sei Willy eine Art jugendliches Alter Ego von Wilhelm, dem sich durch diesen Zeitsprung die Gelegenheit biete, sein Leben zu überdenken und sich alternative Verläufe auszumalen, erfahren wir. In die Gegenwart zurückkatapultiert, hat Wilhelm tatsächlich eine neue Biografie, statt Richter ist er nun - wie Nadolny - Romane schreibender Geschichtslehrer. Der Rezensent fühlt sich von diesem "mit fast olympischer Heiterkeit" betriebenen biografischen Spiel an Max Frisch erinnert und erfreut sich an der "menschenfreundlichen Altersweisheit" des Romans.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 14.06.2012

Rezensent Martin Lüdke mag Sten Nadolny, er ist ihm als Mensch ebenso sympathisch wie als Erzähler, ein Menschenfreund eben, der in seinem großem Erfolg "Die Entdeckung der Langsamkeit" vor allem gezeigt habe, dass er in Lage sei, Erfahrungen zu machen und zu vermitteln. Die Konstruktion von "Weitlings Sommerfrische" klingt dabei ein wenig kompliziert, denn die Geschichte werde nicht nur vom Erzähler erzählt, sondern auch von ihrem Helden, aber Rezensent Lüdke versichert, dass dies alles Sinn mache, aufgehe und absolut verständlich bleibe, denn Nadolny neige zwar zu gewagten Konstruktion, vermeide aber Experimente. Wenn wir den Kritiker richtig verstehen, lesen wir in diesem Buch also die Geschichte Wilhelm Weitlings aus zwei verschiedenen Perspektiven, aus der des jungen und der des alten Weitlings, und die Kluft, die zwischen den beiden Erzählungen jenseits des Faktischen entsteht, mache genau die Brisanz dieses darüber hinaus schön erzählten Romans aus.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 09.06.2012

Wohlwollend hat Kristina Maidt-Zinke den neuen Roman von Sten Nadolny aufgenommen. Dass Nadolny, Schriftsteller jenseits des Fantasy-Genres, mit dem Motiv der Zeitreise und der Idee eines doppelten Ich spielt, kann sie nur begrüßen, zumal sie darin eine Unterwanderung der ,,herrschende Realismus-Tristesse" sieht. Sie hat also auch kein Problem mit der Geschichte um einen pensionierten Richter, der durch einen Unfall, in seiner Jugend wieder erwacht und nun als Geist seinem 16-jährigen Alter Ego begleitet, bis er durch einen zweiten Unfall wieder in der Gegenwart landet, in der nun alles verändert und er ein Schriftsteller, kein Jurist mehr ist. Allerdings findet dieses doch außergewöhnliche Ereignis in ihren Augen keine außergewöhnliche Darstellungsform. Ein wenig hat sie den Eindruck, dass Nadolny diese Konstruktion wählt, um ganz in Ruhe und etwas behäbig von seiner - die autobiografischen Einsprengsel sind unübersehbar - Jugend erzählen zu können.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 19.05.2012

Sehr gern hat Rezensent Christoph Schröder diese Geschichte über einen Mann gelesen, den ein Unwetter in die 50er Jahre verschlägt, wo er die Zeit als Geist an der Seite seines sechzehnjährigen Ichs verbringt. Das Onkelhafte in der Erzählhaltung dieses "in jeder Hinsicht altmodischen Buchs" werde dabei schon durch die dichte Beschreibung der 50er Jahre wettgemacht. Einen Mehrwert erzielt die charmante Zeitreisen-Konstruktion zudem, wenn sich bei der Rückkehr des Zeitreisenden in seine eigene Gegenwart erweist, dass sich dessen Biografie nun gewandelt hat und der eigenen des Schriftstellers "auffallend ähnelt", beobachtet Schröder, der in diesem "milden Alterswerk" somit auch eine eigenwillige Autobiografie sieht.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.05.2012

"Zurück in die Zukunft" in tiefsinnig, so, meint Oliver Jungen, ließe sich der neue Roman von Sten Nadolny bezeichnen. Frei von Kitsch auch, dafür gewissermaßen geerdet mit der eigenen Biografie, und gaaanz langsam, erklärt Jungen, so geht Nadolny es an, lässt er seinen Helden, einen Richter a. D. qua Wurmloch als Geist in seine Jugend zurückkehren, wo er einiges durcheinanderbringt. Angenehm findet der Rezensent, dass es bei alledem nicht um Selbsterkenntnis geht, sondern darum zu verstehen, das alles Erkannte sofort zerblasen wird. Nicht verblasen, so Jungen, sei dieses Buch, schon eher tröstlich in seiner Infragestellung von Kohärenz.
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