Die Passagierin
Roman

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2024
ISBN
9783103971170
Gebunden, 512 Seiten, 25,00
EUR
Klappentext
Nach Jahren kehrt Heather zurück nach Kolchis. In das Sanatorium, in das sie als Teenager evakuiert wurde - durch eine Zeitreise. Heather leidet seitdem, wie viele Evakuierte, unter "Phantomerinnerungen" und dem Schmerz der Einsamkeit, denn sie hat ein Leben und eine Zukunft zurückgelassen, die sie kaum gekannt hat. Sie hofft, innere Ruhe zu finden, doch auch Kolchis hat sich verändert. Das Sanatorium ist verfallen, die übrig gebliebenen Bewohner haben sich in ihre eigene Welt zurückgezogen. Matthias, der aus der Zeit der Bauernkriege evakuiert wurde, wird für Heather dennoch zu einem Vertrauten, der ihr zeigt, dass Kapitulation das Ende von Menschlichkeit bedeutet. Franz Friedrich erzählt von einer Zukunft, in der alle verpassten Chancen der Vergangenheit präsent sind. Aber auch von Freundschaft, Gemeinschaft und dem unstillbaren Begehren nach Veränderung.
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Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 11.12.2024
Rezensent Stefan Michalzik erkennt in diesem Roman eine "sichere Hand", die "ungeheuer viel" zu den großen Themen der Gesellschaft sage, ohne dabei ins Maßlose zu kippen. So erscheine Franz Friedrichs Buch an der Schwelle zum Essay, in dem viel über die Bedingungen des Gemeinwohls nachgedacht werde oder etwa darüber, ob seelisches Leiden beim Einzelnen liege oder durch die Gesellschaft hervorgerufen werde. In ein zukünftiges Kolchis als utopischen Ort an der Schwarzmeerküste holt Friedrich in einem "fantastisch-realistischen" literarischen Gestus hoffnungslose Schicksale aus vergangenen Epochen. In Kolchis herrscht kein Mangel, hier können verzweifelte Seelen Zuflucht finden und friedlich geheilt werden, resümiert Michalzik. Auch Heather kommt dorthin, die hofft, sich von "Phantomerinnerungen" retten zu können. Hier geht es aber weniger um die Handlung, betont Michalzik, vielmehr werden Schicksale beobachtet, "sehr eingehend" sogar. Wie das von Matthias, dem Heather begegnet, einem Söldner aus dem Mittelalter, der seine Rettung als ungerecht empfindet und am liebsten alle Menschen retten würde - nur droht dadurch "das Boot" zu überladen. Gerade durch Friedrichs unaufgeregten Erzählstil habe der Roman eine reflexive Kraft und essayistische Wirkung, meint der Rezensent. Langsam und sicher lasse Friedrich literarisch eine Welt entstehen, die "Hast so wenig kennt wie das Buch selbst".
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.09.2024
Rezensent Maximilian Mengeringhaus ist begeistert von Franz Friedrichs zweitem Roman. Er spielt in einem Sanatorium im Kolchis der Zukunft, wohin Menschen aus verschiedenen Zeitaltern "gerettet" wurden - und zwar nur die, die den Lauf der Dinge ohnehin nicht geändert hätten. Hier treffen also, wie Mengeringhaus resümiert, Heather aus der DDR-Zeit, die mit nicht zuordenbaren "Phantomerinnerungen" kämpft, und, beispielsweise, Mathias aus der Frühen Neuzeit aufeinander. In ruhiger und klarer Sprache erzählt Friedrich, so der Rezensent, zugleich von menschlichen Schicksalen und wirft komplexe philosophische Fragen auf, zum Beispiel nach der möglichen Vermittlung zwischen Epochenerfahrungen, die in täglichen Therapiesitzungen reflektiert werden. Laut Mengeringhaus ein vielschichtiges, schön geschriebenes Buch, das die Zeit der Lektüre in jedem Fall wert ist.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 18.07.2024
Ein schönes, ja regelrecht leuchtendes Buch hat Franz Friedrich laut Rezensent Christoph Schröder geschrieben. Die Erzählerin heißt Heather Hopemann, und sie kehrt nach Kolchis zurück, einen Ort, den Schröder der griechischen Mythologie entnommen hat, lesen wir. Bei Friedrich ist Kolchis ein Schwellenort, der von Menschen bewohnt wird, die der Vergangenheit entrissen wurden und sich auf die Zukunft einstimmen sollen. In diesem eigenartigen Schauplatz trifft die Erzählerin auf diverse Menschen, heißt es weiter, zum Beispiel einen Landsknecht aus dem 15. Jahrhundert. Die eigenwillige Erzählwelt gewinnt dank der Leichtigkeit der Prosa Friedrichs eine Form von Glaubwürdigkeit, meint Schröder, und ganz nebenbei würden große philosophische Fragen, zum Beispiel hinsichtlich persönlicher Schuld, verhandelt. All das hebt sich dank eines stillen, eigenwilligen Humanismus positiv von der realismusbesessenen deutschen Gegenwartsliteratur ab, freut sich Schröder.