Bearbeitet, mit Anmerkungen, einem kommentierenden Namensregister und einem Nachwort bereichert von Christa Ebert. Aus dem Russischen von Bettina Eberspächer und Helmut Ettinger. Der Beginn des Ersten Weltkriegs machte aus der russischen symbolistischen Lyrikerin Sinaida Hippius eine politische Chronistin. Bis zu ihrer Emigration im Dezember 1919 über Polen nach Paris schrieb die Lyrikerin ihr "gesellschaftliches Tagebuch": als scharfzüngige Kritikerin der autokratischen Zarenregierung und des Krieges, den die Mehrheit der Petersburger Künstler- und Intellektuellenkreise euphorisch befürwortete, als Anhängerin der Februarrevolution von 1917 - jedoch als hellsichtige Anklägerin der bolschewistischen Machtergreifung im Oktober 1917. In ihrer großen Wohnung nahe dem Taurischen Palais, dem Sitz der Regierung, wurde sie zur Augen- und Ohrenzeugin: Die Politiker gingen bei ihr ein und aus, die politischen Papiere über ihren Tisch. Die Oktoberrevolution machte Sinaida Hippius zur Emigrantin. Die letzten Lebensjahrzehnte verlebte sie mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Dmitri Mereshkowski, in Paris, wo sie 1945 mit 76 Jahren ihr Grab fand. Ein Teil der Petersburger Tagebücher galt bis 1992 als verschollen - sie werden nun zum ersten Mal auf Deutsch veröffentlicht.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 28.01.2016
Rezensent Ulrich M. Schmid gönnt sich die Tagebücher der exzentrischen Dichterin und religiösen Schwärmerin Sinaida Hippius als Alternative zu den Rekonstruktionen des Ersten Weltkriegs durch die Historikerzunft. Hippius' persönlicher und sensibler Zugriff scheint ihm gut geeignet für eine Beschreibung des Untergangs des heiligen Russland. Auch wenn der Hass der Autorin auf den sozialistischen Umsturz für ihn deutlich spürbar ist, vermag ihn die Autorin mit ihrem Sprachgefühl in den Bann zu ziehen. Die sorgfältige Gestaltung des Bandes mit Anmerkungen und Nachwort gefällt Schmid auch.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.05.2015
Es gibt über die Revolution 1917 noch Neues zu lesen, freut sich der rezensierende Historiker Jörg Baberowski. Die Dichterin Sinaida Hippius erweist sich in ihren Tagebüchern aus den Jahren 1914 bis 1919 als geradezu hellsichtig, so wenig habe sie sich vom "Virus des Patriotismus" verblenden lassen, berichtet der Rezensent. Früh ahnt Hippius, dass Russlands Eliten den Krieg nicht überstehen werden, und früh erkennt sie später den Hang der Bolschewiki zur Gewalt als Herrschaftsmittel, die Selbstlegitimierung der Macht durch Grausamkeit und das Ressentiment allem Intellektuellen gegenüber, fasst Baberowski zusammen. Hippius hat eine Perspektive und Sprache gefunden, die diese Jahre für den Rezensenten tatsächlich noch einmal neu darstellt.
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