Sebastian Barry

Jenseits aller Zeit

Roman
Cover: Jenseits aller Zeit
Steidl Verlag, Göttingen 2024
ISBN 9783969994016
Gebunden, 304 Seiten, 28,00 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser. Nach vierzig Jahren als Kriminalbeamter wird Tom Kettle in seinem neuen Zuhause angespült, einer kleinen Einliegerwohnung im Anbau einer viktorianischen Burg, mit Blick auf den Coliemore Harbour und die Irische See. Am liebsten sitzt er in seinem Korbsessel, raucht Zigarillos und schaut durchs Panoramafenster aufs Meer. Sich nicht zu rühren, glücklich und nutzlos zu sein, ist für ihn Sinn und Zweck des Ruhestands. Schon seit Monaten hat er kaum eine Menschenseele gesehen, als an einem stürmischen Frühlingsnachmittag zwei ehemalige Kollegen an seine Tür klopfen und ihn zu einem alten Mordfall befragen wollen. Ein traumatischer Fall, der alte Wunden aufreißt, denn "nichts war so, wie behauptet wurde. Die Wahrheit eingeschlossen. Die Gardaí. Das Land". Tom Kettle ist ein unzuverlässiger Zeuge und ein unzuverlässiger Erzähler. Seine Welt ist ein Ort voller Trauer und leisem Humor. Hier verweilen die Geister seiner Frau und seiner Kinder, verschwimmen Pflicht und Gerechtigkeit, geht die Erinnerung ganz eigene, verschlungene Wege.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.02.2025

Dass Sebastian Barrys neuer Roman mit einem gemütlichen Blick auf die irische See beginnt, führt in die Irre, warnt Rezensentin Sieglinde Geisel, denn es geht spannungsreich, literarisch gekonnt und vor allem abgründig zu in der Geschichte um den pensionierten Polizisten Tom Kettle. Dass jüngere Kollegen mit ihm über einen ungelösten Fall reden wollen, der dreißig Jahre zurückliegt, ist der Anlass, dass Kettle sich Gedanken macht über den "systematischen Kindesmissbrauch" der katholischen Kirche im Irland der Sechziger, für den der unaufgeklärte Mord eine Art Rache war, wie Geisel verrät. Barry ist ein "Meister des Informationsmanagements", versichert die Kritikerin, die begierig den Bröckchen folgt, die ihr der Autor streut und das Buch vor Spannung kaum aus der Hand legen kann, wie sie abschließend versichert, auch wenn es seinen Lesern einiges abverlange.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 16.01.2025

Rezensentin Sylvia Staude lässt sich gern von den doppelten Böden in Sebastian Barrys neuem Krimi aufs Glatteis führen: Im Zentrum steht der frühere Ermittler Tom Kettle, ein gemütlicher Typ, der mittlerweile im Ruhestand ist und von zwei früheren Kollegen aufgesucht wird. Sie erhoffen sich Hilfe im Fall eines Priesters, der des Missbrauchs beschuldigt und später ermordet wurde, verrät Staude die Prämisse, nicht aber die Auflösung des Falls. Kettle zeigt sich ihr als höchst komplexer, bisweilen tragischer Charakter, er hat seine Familie verloren, alte Fälle verfolgen ihn, seine Wahrnehmung zeigt ihm nicht immer nur das, was wirklich da ist. So muss die Kritikerin beim Lesen aufpassen, auch wegen der zeitlichen Sprünge, die die Handlung macht, aber das macht für sie auch den "außergewöhnlichen Erzählton" aus, der ihr uneingeschränktes Lob findet.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 10.01.2025

Rezensent Thomas Wörtche nennt Sebastian Barrys Krimi ein Meisterwerk. Die harmlos beginnende Geschichte um einen hartgesottenen Polizisten in Rente, den die Vergangenheit einholt, inszeniert der Autor laut Wörtche allmählich, mit geschickt arrangiertem Sublot, grandiosen Naturschilderungen der irischen Landschaft, genauer Figurenpsychologie und schonungslosem Suspense. Die geschilderten Zustände in den 1990ern, in denen es um Missbrauch in der katholischen Kirche geht, findet Wörtche so drastisch wie (leider) wahr.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 31.10.2024

Zeit, dass Sebastian Barry auch in Deutschland endlich bekannter wird, meint Rezensent Adam Soboczynski und erklärt: Barrys Romane haben unverkennbar hochliterarische Vorbilder, beziehen aber auch Western und Abenteuerromane mit ein und sind gerade deshalb anspruchsvoll und unterhaltsam zugleich. Im Zentrum seines neuen Buchs steht der pensionierte Ermittler Tom Kettle, der zurückgezogen nahe einer verlassenen Burg lebt und von zwei jungen Polizisten zu einem Mordfall befragt wird, an dessen Ermittlung er beteiligt war - vielleicht aber auch an dessen Begehung, wie Soboczynski vorausdeutet. Spannend ist es für ihn vor allem, wie Barry die Geschichte Irlands mit dem Mordfall und dem Katholizismus verbinden und diesen "alttestamentarisch beseelten Krimi" so zu einer herausragenden Verhandlung der "Menschheitsfrage" macht.
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