Sayed Kashua

Zweite Person Singular

Roman
Cover: Zweite Person Singular
Berlin Verlag, Berlin 2011
ISBN 9783827010131
Gebunden, 396 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler. Er ist Amir, Sozialarbeiter in Westjerusalem, und pflegt den gelähmten 19-jährigen Jonathan. Er will "so sein wie sie", das ist sein sehnlichster Wunsch. Sie, das sind die jüdischen Israelis, die sich mit einer Selbstverständlichkeit in einem Land bewegen, das ihm, dem arabischen Israeli, die Zugehörigkeit so schwer macht. Er will Künstler sein, frei sein, ohne argwöhnischen Blicken ausgesetzt zu sein. So beschließt er, ein anderer zu werden. Du bist Rechtsanwalt und lebst mit Frau und Kindern in Jerusalem. Du bist erfolgreich, angesehen und willst auch "so sein wie sie". Du bist getrieben von dem Verlangen, der eigenen arabischen Vergangenheit mit schnellen Autos, teurer Kleidung, Wein , Sushi zu entkommen. Doch dein Leben bricht auseinander, als du auf das Zeugnis einer vermeintlichen Affäre deiner Frau triffst. Du bist rasend eifersüchtig, und deine Fassade, die Maske deiner Identität, löst sich auf.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 10.01.2012

Neues aus der Mitte der israelisch-arabischen Gesellschaft hat Katharina Granzin zu annoncieren. Dass der Autor, Palästinenser mit israelischem Pass, in seinem dritten Roman Luxusproblemchen wälzt, die uns nicht unbekannt vorkommen, erstaunt Granzin nicht: Die bürgerliche Mittelschicht, aus der Sayed Kashua berichtet, meint sie, ist ein privilegierter Ort. Die beiden Protagonisten des auf Granzin höchst konstruiert wirkenden Textes tun denn auch das Dementsprechende: Sie behandeln mit klassischer Musik und Literatur ihre Minderwertigkeitskomplexe, tauschen zum Schein die Identitäten und spielen Kulturclash. So realistisch die Milieuschilderungen Granzin erscheinen, so unecht kommen ihr die verhandelten Sujets vor. Als Subtext der Suche nach Identität begegnet ihr schließlich noch die Frage nach dem Verhältnis von Kunst und Leben. Angewendet auf den Autor eine durchaus politische Frage, stellt Granzin fest.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 26.10.2011

Großartig findet Carsten Hueck den dritten Roman des israelisch-arabischen Schriftstellers und Journalisten Sayed Kashua. Die mit autobiografischen Erfahrungen bestückte Geschichte über zwei Daseinsentwürfe im Grenzgebiet zwischen arabischer Herkunft und Kultur einerseits und einem Leben in der jüdischen Mehrheitsgesellschaft andererseits hat den Rezensenten überzeugt. Wie der Autor boshaft und zugleich voller Empathie die Zerrissenheit seiner Figuren zu schildern und ihre zwiegespaltene Identität zu fassen vermag, hat für Hueck mal Momente eines Krimis, mal die eines Entwicklungsromans. Zugleich ist es für ihn ein realistisches, manchmal realsatirisches Bild des gegenwärtigen Israel, vom Autor klar und knapp vermittelt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 28.07.2011

Etwas schnoddrig fertigt Rezensent Anton Thuswaldner dieses Roman des arabischen Israeli Sayed Kashua ab, der in seinen Augen auf sträfliche Art die Politik außen vorlässt? Wie kann jemand über Identitäten schreiben, wenn das Land brennt? Thuswaldner zumindest interessiert die Geschichte des Romans nicht die Bohne, weder dem karrieristischen Rechtsanwalt kann er etwas abgewinnen ("Eifersuchts-Idiot") noch dem Sozialarbeiter auf der Suche nach sich selbst. Für Männer, die ihr Ihr für ein Drama halten, während Jerusalem zu explodieren droht, hat der Rezensent höchstens Spott übrig. Den "Max Frisch des Nahen Ostens" nennt Thuswaldner den Autor.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 22.06.2011

Rezensentin Kristina Maidt-Zinke stellt den Kritiker, Kolumnisten und Autor Sayed Kashua eher halbemphatisch als bekannteste Stimme jener arabischen Israelis vor, die sich pragmatisch in die Mehrheitsgesellschaft zu integrieren versuchen und dabei oft zwischen "Ambition und Underdog-Komplex" gefangen blieben. Beim Roman "Zweite Person Singular" aber winkt sie ganz ab: Als "anstrengendes, bisweilen einschläferndes Stück Arbeit" bezeichnet sie die Geschichte um zwei parallel geschaltete arabische Protagonisten, einen statusbewussten und krankhaft eifersüchtigen Anwalt und einen Sozialarbeiter, der in die Identität eines nach einem Selbstmordversuch schwerstbehinderten jüdischen Israelis schlüpft. Weder traurig noch zynisch-makaber erzähle Kashua diese Geschichte, sondern einfach nur "blass und blutleer", und auch die Figuren fand Maidt-Zinke von "erstaunlicher Fadheit". Aber vielleicht, fragt sich die Rezensentin, entgehe ihr da auch eine spezielle Form des Humors.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 18.05.2011

Sayed Kashua gehört zu den erfolgreichsten Schriftstellern Israels, weiß Rezensent Thorsten Schmitz, Kashua hat eine Kolumne in "Haaretz", eine eigene Sitcom und schreibt als einziger arabischer Israeli auf Hebräisch. Mit dem Roman "Zweite Person Singular" kann Schmitz trotzdem nichts anfangen. Ihm ist völlig unerklärlich, wie ein arrivierter Schriftsteller "so sprachlos" werden kann und sich so wenig für seine Figuren interessieren. Im Kern kreist der Roman um drei Personen: einen israelisch-arabischen Rechtsanwalt mit einer Neigung zu teuren Autos und (rasender!) Eifersucht, einen Sozialarbeiter Amir und dessen Pflegepatienten, den jüdischen Jonathan, dem der Araber die jüdische Identität neidet. Als schlichte Abziehbilder erschienen Schmitz diese drei Männer - "sie langweilen einen" -; die Klagen über treulose Ehefrauen münden in Abhandlungen über die Ungerechtigkeiten des jüdischen Staates. Schmitz konnte das kaum zu Ende lesen. (Wir fragen uns auch, seit wann Krawatten von Ralph Lauren für einen exquisiten Geschmack sprechen.)
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