Aus dem Amerikanischen von Ulrike Bischoff. Rassismus ist kein Phänomen, das man lediglich am rechten Rand unserer Gesellschaft findet. Doch wir haben verlernt, ihn zu sehen und streiten ab, dass er in unserem Denken eine Rolle spielt (etwa, wenn Sigmar Gabriel Clemens Tönnies mit den Worten verteidigt: "Das ist Quatsch, wer ihn kennt, weiß, dass er kein Rassist ist. Vor allem aber verniedlicht dieser Vergleich die wirklichen Rassisten!"). Dieses Herunterspielen von Hetze und Vorurteilen und das Umdrehen eines solchen Vorwurfs als persönlichen Angriff gegen den Sprecher nennt Robin DiAngelo "Weiße Fragilität". DiAngelo zeigt, wie wir ihn alle (oft unbewusst) nutzen. Dabei wissen wir aus jüngster Vergangenheit, wie schnell aus scheinbar harmlosen Worten Taten werden. Wie weit sich diese gefährliche Rhetorik vom rechten Rand bereits in die Mitte vorgefressen hat, zeigt Rassismus-Forscherin DiAngelo anhand erschreckender alltäglicher Beispiele. Ein Buch, das weh tut, das aufweckt, das aber auch zeigt, wie rassistisches Denken endlich aus unserer Gesellschaft verschwinden kann.
Rezensent Marko Martin stört die Missachtung der ökonomischen Ursachen des Rassismus und das Fehlen jeglicher Hinweise auf die Möglichkeiten, strukturellen Rassismus zu bekämpfen, im Buch der Soziologin und "identitätspolitischen Benimmkurs-Verkäuferin" Robin DiAngelo. Ihr an skrupulöse weiße Antirassisten gerichteten Kurse, für die sie im Buch unermüdlich wirbt, überzeugen Martin noch am meisten, wenn sie die Grenzen des in aktuellen Rassismus-Debatten als absolut gesetzten Deutungsrahmens hinterfragen. Davon abgesehen, findet er das Demut, Mitgefühl, Nachdenken lehrende Regelwerk angesichts der Komplexität des Themas aber eher zu dünn. Ökonomische und bildungspolitische Gründe für die unbestrittene Benachteiligung Schwarzer aufgezeigt zu bekommen, hätte ihn deutlich mehr interessiert.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 23.07.2020
Rezensentin Marie Schmidt liest Robin DiAngelos Buch, im Original 2018 erschienenen, als Standardlektüre zum Thema Alltagsrassismus und erläutert die Einwände liberaler schwarzer Autoren gegen das Buch. Die von der Autorin beschriebenen Abwehrmechanismen Weißer gegen Vorwürfe rassistischen Denkens kennt Schmidt längst, für kulturwissenschaftlich vorgebildete Leserinnen von Toni Morrison oder Derrida ist der Erkenntnisgewinn des Buches eher gering, meint sie, auch da die Autorin das Wissen um "weiße Empfindlichkeit" stark vereinfacht und schematisch darstellt. Den gegen das Buch erhobenen Vorwurf des umgekehrten Rassismus kann Schmidt insofern nachvollziehen.
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