Robert Service

Lenin

Eine Biografie
Cover: Lenin
C. H. Beck Verlag, München 2000
ISBN 9783406466410
Gebunden, 640 Seiten, 35,02 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Holger Fließbach. Robert Service schildert Aufstieg und Weg des größten Revolutionärs des 20. Jahrhunderts. Er beschreibt die wichtigsten Stationen seiner Karriere, die Ereignisse der Oktoberrevolution sowie die Errichtung des Einparteienstaates und der Diktatur. Service portraitiert aber nicht nur den Theoretiker und Politiker, sondern auch den Menschen Lenin. Auf der Grundlage zahlreicher bislang unausgewerteter Quellen kann der englische Historiker erstmals ein detailliertes Bild von Lenins Familie, seiner Erziehung, Heirat und Ehe, seiner Gewohnheiten und Vorlieben entwerfen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 02.04.2001

Russische Archive sind seit einem Jahrzehnt nicht mehr nur wenigen Auserwählten zugänglich. Kein Wunder ist es daher, dass sich zahlreiche Forscher die Mühe gemacht haben, alte Aktenbestände zu durchwühlen, um die letzten Lücken im Leben des Berufsrevolutionärs Wladimir Iljitsch Uljanow - besser bekannt als Lenin - zu schließen, erzählt Thomas Urban. Oxford-Professor Robert Service hat mit seiner sehr umfangreichen Biografie vor, ein Standardwerk zu präsentieren, so der Rezensent. Die Sorbonne-Professorin Helene Carrere D'Encausse hingegen beziehe in ihrem Werk auch den "Geist der Epoche" mit ein. Beide haben aber nach Ansicht des Rezensenten Lenins Hoffnung zu wenig berücksichtigt, das deutsche Proletariat werde die Revolution schon richten.
1.) Helene Carrere D'Encausse: "Lenin" (Piper)
Helene Carrere D'Encausse ist in Frankreich eine bekannte Sowjetunion-Spezialistin, berichtet der Rezensent. Auf eigene Forschung habe sie aber diesmal verzichtet. Nach Urban hat sie vielmehr die Forschung einer jungen russischen Historiker-Elite ausgewertet und ein beachtliches Werk vorgelegt, in dem der Leser den Revolutionär hier im Kontext seiner Zeit erkennen könne. Seine politischen Kämpfe mit allen Seiten schildert die französische Wissenschaftlerin sehr plastisch, wenn auch mitunter schon fast grob, meint Urban. Jedenfalls habe sie eins deutlich herausgestellt: Lenin war nach der Stabilisierung seiner Machtposition ganz schön ratlos, wie es mit der Revolution weitergehen sollte.
2.) Robert Service: Lenin. "Eine Biografie" (C.H. Beck)
Einen Namen hat sich der britische Historiker bereits Ende der achtziger Jahre gemacht, als er eine dreibändige Lenin-Biografie veröffentlichte und damit der Ikone Lenin deutlichere Konturen verlieh, erläutert der Rezensent. So sei diese Biografie denn auch die Basis für die jüngste Publikation, in der man nun Lenins Leben minutiös nachvollziehen könne. Das Buch hält er für das Standardwerk über die historische Berühmtheit, bemängelt aber, dass Service eher für seine Zunft als für eine breitere Leserschaft geschrieben habe.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 10.01.2001

Zwei neue Bände über Lenin, zwei Bände mehr, die sich zu den drei Dutzend bereits erschienenen hinzugesellen. Zwei Bände, die, wie alle vorangegangenen, die interessanten Lücken in der Biografie des Staatsmannes und Theoretikers nicht zu schließen vermögen, meint die NZZ.
1). Hélène Carrére d` Encausse: "Lenin" (Piper)
Schade, eigentlich sei die französisch-russische Historikerin Hélène Carrére `d Encausse in der Vergangenheit als ausgesprochene Expertin für die Geschichte der Sowjetunion in Erscheinung getreten, bemerkt der Rezensent Gerd Koenen. Ihre Studie über Lenin überrascht ihn daher negativ. Eine unnötige Reklame für eine äußerst umstrittene Figur, der sie sich in einer eigentümlich kritischen Devotion angenähert habe. Die Wissenschaftlerin würdige Lenin als genialen Pragmatiker und politisches Genie. Mitnichten, meint der Rezensent. Zwar könne man ihm nicht absprechen, ein zoon politikon gewesen zu sein. Aber gleichzeitig war der dem technologisch-politischen Machbarkeitswahn Verfallene der doktrinärste aller Marxisten. Koenen widerspricht der Annahme der Autorin, dass Lenin stets das Ziel verfolgt habe, Russland nach Westen hin zu öffnen. Er habe vielmehr eine kriegssozialistische Entwicklungsdiktatur unter der ausschließlichen Führung seiner Minderheitenpartei installiert. Schleierhaft ist dem Rezensenten auch, wie die Wissenschaftlerin zu dem Ergebnis kommen konnte, Lenin sei ein charismatischer Führer gewesen. Ihr Buch und auch andere Quellen lieferten für diese These jedenfalls keinen Beweis. Und auch an der Übersetzung von Enrico Heinemann hat Koenen etwas auszusetzen. Ihre Holprigkeit unterstreiche auch noch die leere Formelhaftigkeit der Ausführungen der Autorin.
2). Robert Service: "Lenin. Eine Biographie" (Beck)
Grundsätzlich geht der Rezensent mit Service` Biografie genauso streng in die Kritik wie mit dem Band der Historikerin d` Encausse. Eher noch strenger. Denn immerhin habe Robert Service neueste Quellen über die Familie, die Person und das Leben Lenins aus seit kurzem erst zugänglichen Partei- und Staatsarchiven der Sowjetunion ausgewertet. Das Material erschlägt den Leser in seinem Detail- und Anekdotenreichtum, beschwert sich Koenen. Er vermisst psychologisches Einfühlungsvermögen und literarische Gestaltungskraft des Autors. Leider sei der vorliegende - eigentlich vielversprechende - Band nur eine Ergänzung zu Service` 1997 abgeschlossenem dreibändigen Werk "Lenin: A political life". Robert Service gebe eine ganze Reihe von interessanten Hinweisen, um die Person Lenin zu entschlüsseln. Aber dabei belässt es der Autor denn auch, meint Koenen. Dem dominierenden Bild des ultraideologischen Berufsrevolutionärs würden keine wesentlich neuen Aspekte hinzugefügt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.01.2001

Benno Ennker hat in dieser Biographie Lenins fast nichts gefunden, was seine Zustimmung findet. Dem Autor, der neben der politischen Entwicklung, der er bereits drei Bände gewidmet hat, den "Menschen Lenin" in den Blick rücken wollte, sei jedes "banale Alltags-Detail" wichtiger als der historische Kontext und die theoretischen Grundlagen von Lenins Ideen, tadelt der Rezensent. Statt solider Analysen fänden sich zuhauf "plakativ formulierte Thesen", Fragen, die die Studie nicht beantworten könne und "frappierende Fehlgriffe" in der Beurteilung der geistigen und politischen Grundlagen der Zeit. Trotzdem, so der Rezensent abschließend, kommt wohl keine wissenschaftliche Arbeit an dem "Material" vorbei, das Service zusammengetragen hat, auch wenn dieser kaum in der Lage sei, daraus vernünftige Schlüsse zu ziehen.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 19.12.2000

Der Anspruch von Biografie-Lesern, die in der Dokumentation des Lebens und Wirkens berühmter Persönlichkeiten ihr Bedürnis nach Heldentum und "Allzumenschlichem" zu befriedigen trachteten, werde mit den jetzt in deutscher Sprache vorliegenden "material- und gedankenreichen" Ausführungen Spencers reichlich gesättigt, schreibt Christian Semler. Spencer habe die Gunst der Stunde genutzt, bisher unzugängliche Quellen systematisch und in kühler Distanz zu analysieren. Spencer komme aber zu Ergebnissen, die geprägt seien von einer politisch wie psychologisch vollständig polarisierten Wertung des Verhältnisses zwischen Lenin und Stalin. Diese Wertung sieht Lenin als ideologischen Architekten, Stalin als den ausführenden Baumeister eines repressiven Systems vor. Semler würdigt zwar, dass in Spencers Biografie der Einfluss von Lenins Familie und deren Geschichte auf seine spätere politische Entwicklung deutlich werde. Der Historiker unterstelle Lenin aber eine stete politische Anpassung und eine Orientierung an Niccolo Machiavelli, die im Widerspruch zu seiner Originalität bei einer ganzen Reihe wichtiger politischer Entscheidungen stünden. Semler sieht in Lenin vielmehr einen Revolutionär, der sich "absolut furchtlos" der jeweiligen Mehrheitsmeinung auch in der eigenen Partei entgegengestellt habe. Besonders deutlich werde Service` Voreingenommenheit gegenüber Lenin in seinen Ausführungen über die Lenin unterstellte elitäre Haltung gegenüber der politischen Handlungsfähigkeit der Arbeiter. Mitnichten habe Lenin diesen die Mündigkeit abgesprochen. Im Gegenteil. In schrankenlosem Vertrauen habe er auf den Aufbau und die Leitung eines sozialistischen Staates durch die Arbeiter gesetzt. Für Service sei Lenins Propagierung eines Arbeiterstaates die schiere Heuchelei. Der Rezensent hingegen sieht in der Person Lenin zahlreiche Facetten, die der Historiker einseitig und wertend interpretiere. Ein Grund, meint Semler, um auf eine weitere, vielleicht umfassendere Lenin-Biografie zu hoffen.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 19.10.2000

Dietrich Geyer bespricht in einer Doppelrezenison die beiden Lenin-Biografien, die ungefähr zeitgleich auf den deutschen Büchermarkt kommen: die eine wurde von der französischen Russland-Expertin Hélène Carrère d`Encause verfasst, die andere von dem britischen Historiker Robert Service. Die Unterschiede beider Biografien sind laut Geyer eher stilistischer Natur: Während Hélène Carrère d`Encause etwas temperamentvoller, dafür flüchtiger schreibt, stellt Service Lenins Privatgeschichte akribischer, dafür verlässlicher dar, meint Geyer. Auffälliger findet er jedoch die Gemeinsamkeiten: Beide Werke gleichen sich im Anspruch und beide profitieren in ähnlicher Weise von der neuen Forschungslage wie auch der Tatsache, dass beide Autoren , wie Geyer bemerkt, keine eigene Rechnung mit dem Kommunismus zu begleichen haben. Aber beide Autoren haben auch das gleiche Problem, findet Geyer: Überraschungen haben sie nicht mehr zu bieten.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 18.10.2000

Karl Grobe beschäftigt sich mit zwei neuen Lenin-Biografien, obwohl nach seinen Recherchen die Encyclopaedia Britannica bereits 37 Titel zur Person verzeichnet. Die neue Archivlage macht aber neue Studien nach Grobes Ansicht durchaus notwendig.
1) Hélène Carrère d?Encausse: `Lenin`. (Piper)
Diese Studie der ersten weiblichen Generalsekretärin der Academie Francaise, in Frankreich vor zwei Jahren erschienen, beschäftigt sich vor allem mit den Einflüssen, die zur Formung der Ideologie Lenins beitrugen und seiner Fähigkeit, mit allen Mitteln Mehrheiten zu gewinnen, schreibt Grobe. Die Darstellung des untergehenden Zarenreiches findet er allerdings `merkwürdig farblos`. Laut Grobe resümiert Carrère d?Encausse, das große Paradox Lenins sei gewesen, dass er eine westliche Revolution in einem vormodernen Staat durchsetzen wollte.
2) Robert Service: `Lenin`. Eine Biographie. (Beck)
Die Darstellungsweise Services steht nach Grobe dagegen in einer `anderen historiographischen Tradition`. Service lege mehr Wert auf Lenins familiäre Einflüsse und gehe außerdem auf die Nachwirkungen Lenins im Stalinismus ein. Wie Service schreibe, sei Lenin eine von weltpolitischen Umständen begünstigte Ausnahmeerscheinung gewesen. Beide Autoren sind sich nach Auffassung des Rezensenten aber darin einig, dass Lenin eben nicht die Marxsche orthodoxe Theorie verkörpert hat. Einig seien sich die Autoren auch in der Beurteilung Stalins als eines `Erbschleichers`, der die Revolution zu seinem Selbstzweck `russifiziert` habe. An Services Darstellung kritisiert Grobe lediglich die `Marotte der Transliteration` des Beck-Lektorats, nach der der Leser erst entschlüsseln muss, dass mit El?cin tatsächlich Jelzin gemeint ist. Zu einer wirklichen Wertung konnte sich der Rezensent allerdings nicht durchringen. So überlässt er dem Leser, zwischen Carrère d?Encausses `Meisterwerk`, das `durchaus aktuelle Fragen` stelle, zu wählen oder Services `meisterhaftem Opus`, das `außerdem noch vergnüglich zu lesen` sei. Das dürfte nicht schwer fallen.