Aus dem Englischen von Richard Barth. "Das europäische Jahrhundert" entwirft ein außergewöhnlich facettenreiches, überraschendes und unterhaltsames Panorama des 19. Jahrhunderts in Europa. Der Kontinent durchlief zwischen 1815 und 1914 eine drastische Transformation mit grundstürzenden Veränderungen in Kultur, Politik und Technik. Was in einer Dekade als modern empfunden wurde, war in der nächsten bereits veraltet. Großstädte schossen innerhalb einer Generation aus dem Boden, und neue europäische Länder gründeten sich. In der Zeit zwischen der Schlacht von Waterloo und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs beherrschte Europa den Rest der Welt wie niemals zuvor oder je wieder danach.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.02.2019
Richard J. Evans' "Europäisches Jahrhundert" hält dem Vergleich mit Jürgen Osterhammels bahnbrechender Studie zum 19. Jahrhundert stand, versichert die hier rezensierende Historikerin Birgit Aschmann. Auch wenn die chronologische Anordnung und der Umfang des Buches der Kritikerin einiges abverlangen, lässt sie sich von Evans' lebendigem Erzählstil, seinen üppigen Verweisen auf Zeitzeugen wie Balzac, Dickens oder Dostojewski und seiner lockeren Mischung aus Anekdoten und politischem Hintergrund gern durch das Jahrhundert führen. Dass der Autor nicht nur verschiedene methodische Zugänge wählt, sondern den geografischen Fokus auch auf Ost- und Nord-, Süd- und Südosteuropa ausweitet, verbucht die Rezensentin ebenfalls als Gewinn. Auch wenn das 19. Jahrhundert als das bürgerliche Jahrhundert galt, scheint ihr Evans' umfangreiches Interesse für Bauern und Arbeiter mit Blick auf die Verteilung der Bevölkerungsgruppen klug. Während Aschmann auch jene Kapitel, die sich mit der Situation von Frauen im 19. Jahrhundert beschäftigen, aufmerksam gelesen hat, erscheinen ihr seine Ausführungen zur Emotionsgeschichte ein wenig simpel. Das Fehlen eines Anmerkungsapparats und das dünne Literaturverzeichnis findet Aschmann sogar ärgerlich.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 20.11.2018
Thomas Speckmann, Redenschreiber im Finanzministerium, lernt beim Cambridger Historiker Richard J. Evans, dass Disruption nichts Neues ist. Wenn der Autor die Umbrüche in Kultur, Politik und Technik zwischen 1815 und 1914 aufzeigt, wird Speckmann ganz schwindelig, so drastisch erscheinen ihm die Transformationen. Verdienstvoll an Evans' anschaulicher Darstellung scheint dem Rezensenten, der heutigen Geschichtsvergessenheit auf die Sprünge zu helfen und die Brüche der Vergangenheit deutlich zu machen. Das von Evans erfasste Jahrhundert als eigenständigen Abschnitt europäischer Geschichte zu sehen, erscheint Speckmann nach der Lektüre gut nachvollziehbar.
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