Richard Herzinger

Republik ohne Mitte

Ein politischer Essay
Siedler Verlag, Berlin 2001
ISBN 9783886807345
Gebunden, 208 Seiten, 18,41 EUR

Klappentext

Der Ruf nach einer "Leitkultur" zeugt einmal mehr davon, wie mobilisierungsfähig der Wunsch nach vorgefertigten Leitbildern in der bundesrepublikanischen Gesellschaft noch ist. Das Buch von Richard Herzinger ist ein Plädoyer für das Wagnis einer offenen Gesellschaft ohne vorgeschriebene Werte und festgefügte Identitäten.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 08.01.2002

Eberhard Seidel hat den politischen Essay des Berliner Publizisten mit Gewinn gelesen, wenn er ihm auch nicht in allen Punkten zustimmen möchte und einige seiner Schlussfolgerungen zu kurzschlüssig findet. Herzinger befürworte das amerikanische Gesellschaftsmodell mit seiner demokratischen Konsumentenkultur, das er für pluralistische, multikulturelle, offene Gesellschaften "ohne Mitte" geeignet hält und den deutschen Integrationskonzepten überlegen erklärt. Bis zu diesem Punkt argumentiere Herzinger logisch, meint Seidel, der aber Grenzen dieser Argumentation erkennt, da auch die "Konsumentenkultur nicht alles richten kann". Zumal auch Herzinger die diffuse Sehnsucht der Menschen nach ganzheitlichen Welterlösungsphantasien bewusst zu sein scheint, die er in eher harmlose Esoterik und bösartigen Fundamentalismus zu unterteilen versucht. Diese Verteufelung und Abspaltung in einen "bösen Rest", der in das Konsumentenmodell nicht zu integrieren ist, wozu dann für Herzinger auch nationalistischer Extremismus zählt, ist für Seidel "reichlich undialektisch" und schlicht unbefriedigend.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.12.2001

Die USA haben mit ihrer Art der Bewältigung der "terroristischen Anschläge" vom 11.September nach Meinung von Arnulf Baring die These des Autors Herzinger widerlegt, dass in einer offenen Gesellschaft "alle politischen, sozialen und kulturellen Fragen als verhandelbar gelten". Zwar stimmt Barning zu, dass heutzutage Werte und Identitäten abhanden gekommen sind - doch das Verhalten der US-amerikanischen Bürger habe bewiesen, dass im Ausnahmefall "alle innenpolitischen Gegensätze" und Rivalitäten verschwänden. Der Rezensent hat den Autor so verstanden, dass eine "solche spontane, gemeinsame Reaktion" in einer modernen Gesellschaft unmöglich sei; auf die Bundesrepublik bezogen mag der Rezensent allerdings zustimmen. Denn andere Demokratien zehrten im Gegensatz zur deutschen von "historisch gewachsenem Selbstbewusstsein", weiß Baring. Der Rezensent vermisst Ansätze zur Schaffung eines "Sinnzentrums" für einen anderen gesellschaftlichen Konsens; er glaubt nicht, dass "unser Zusammenleben tatsächlich substanziell so leer ist", wie der Autor behauptet.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 27.10.2001

Ein einziger Satz ist es, um den sich Uwe Justus Wenzel in seiner Rezension, ganz gegen die offenkundige Gewichtung des Autors, das räumt Wenzel selber ein, interpretatorisch bemüht. In diesem Satz geht es darum, dass gerade die "Präsenz" der substanziellen "Leerstelle" im Zentrum den gesellschaftlichen Zusammenhalt in einer liberalen Gesellschaft "gewährleistet". Der Rezensent ist hier skeptisch: hier droht, ganz gegen Herzingers Intention, die Schaffung einer neuen "Mitte" in der metaphysischen Überhöhung der "formellen" Spielregeln, deren bloße Formalität der Autor gerade zum entscheidenden Charakteristikum der liberalen Gesellschaft erklärt. Mit solchen Fragen liegt Wenzel, wie er selbst betont, neben der Spur dieses weniger philosophisch als tagespolitisch gemeinten Essays, dem es um die Verteidigung des Konsums und der Individualisierung geht: nur im Zulassen "kultureller Desintegration" scheint Herzinger "staatsbürgerliche Integration" noch möglich. Aber auch auf dieser Ebene ist der Rezensent angesichts der Ereignisse vom 11. September nicht restlos überzeugt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 28.09.2001

Mit viel Sympathie stellt Joscha Schmierer den Publizisten und "Pamphletisten" Richard Herzinger vor, der auch in seinem neuen Buch unverdrossen für Aufklärung und Liberalismus werbe - auf recht originelle Weise. Schmierer formuliert Herzingers Thesen als Paradox: die offene Gesellschaft sei nach wie vor eine offene Frage, die es zu akzeptieren und durch Konfliktvereinbarungen zu regeln gelte; die verlorene Mitte gilt es weder zu betrauern noch verloren zu geben, sondern sich als politischen Gestaltungsraum zurückzuerobern. Die politische Mitte einer Gesellschaft, die sich im Umgang mit der "permanenten Nicht-Übereinstimmung" üben müsse, sei nicht zu verwechseln, hält der Rezensent fest, mit der Mittelschicht einer Gesellschaft - auch wenn die soziale Abfederung der politischen Mitte durch eine breite Mittelschicht nicht von Schaden sei, fügt Schmierer weise hinzu.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 17.09.2001

Richard Herzinger hat, konstatiert Ulrich Speck, einen dezidierten Standpunkt, von dem er keinen Millimeter weicht: den eines konsequenten Liberalismus. Von dort aus stellt er der Gegenwartsgesellschaft seine Diagnosen, etwa die, dass diese, und zwar ohne Wehmut und ohne Wenn und Aber, ohne "substanzielle Mitte" auskommen müsse. Die Generalforderung dabei ist, so Speck, der Abschied von "Politik als Religionsersatz". Zwar hat der Rezensent gelegentlich Probleme mit der Sprunghaftigkeit dieses "Parforceritts", ist aber sonst ganz d'accord: er lobt die Prägnanz der Argumente, die "überraschenden Verknüpfungen", weiß sogar "polemische Zuspitzungen" zu schätzen. Darüber hinaus scheint ihm Herzingers Beschreibung näher an den Realitäten als die derzeit sonst noch gängigen Diskurse.