Ricardo Piglia

Künstliche Atmung

Roman
Cover: Künstliche Atmung
Klaus Wagenbach Verlag, Berlin 2002
ISBN 9783803131737
Gebunden, 219 Seiten, 19,50 EUR

Klappentext

Aus dem Spanischen von Sabine Giersberg. Nachwort von Leopold Federmair. Ein junger Schriftsteller, Emilio Renzi, veröffentlicht seinen ersten Roman, der von einem Ehebruch aus den vierziger Jahren erzählt. Erst nach der Veröffentlichung lernt er den Protagonisten kennen, seinen Onkel Marcelo Maggi, der zurückgezogen in der Provinz lebt und Briefe eines Vorfahren entziffert: Es handelt sich um Enrique Ossorio, in der Mitte des 19. Jahrhunderts Sekretär des Diktators Rosas... Piglias Roman thematisiert Lateinamerikas schicksalhafte Verbindung mit Europa.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 25.01.2003

Zensur ist anstrengend, sowohl für den Autor als auch für den Leser, hat der Rezensent Andreas Breitenstein bei seiner Lektüre festgestellt. Denn der während der Militärdiktatur geschriebene Roman des in Argentinien legendären Schriftstellers Ricardo Piglia sei aus Zensurgründen dermaßen verschränkt, die Textebenen dermaßen "dicht komprimiert und virtuos ineinander gefügt", dass sich der "Erstickungstod" der Diktatur auch im "Grauen" der Textentwirrung manifestiere. In zwei "ineinander greifenden, detektivisch angelegten historischen Recherchen" - Marcelo Maggi recherchiert über den Außenseiter Enrique Ossorio, und der Schriftsteller Emilio Renzi seinerseits über den verschwundenen Maggi - konstruiere Piglia eine Art "Schachpartie", ein "Duell von Taktik und Täuschung, Interpretation und Desinformation", in dessen Entschlüsselung der Leser mitverstrickt wird. Dies klinge "kompliziert", gibt der Rezensent zu, "und ist in Wirklichkeit noch komplizierter". Und so muss der bewundernde Breitenstein auch kapitulieren vor der Schilderung des Plots, denn eine solche werde von die "Stilprinzipien"des Romans - "Zitat und Verschachtelung, Doppelung und Spiegelung, Bruch und Widerspruch" - unmöglich gemacht.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 04.12.2002

Volker Breidecker begrüßt freudig diese deutsche Übersetzung des vor 20 Jahren in Argentinien erschienenen Romans, und er preist ihn begeistert als "Wunderwerk an Inspiration und Reflexion". Umsonst ist das beeindruckende Lektüreerlebnis allerdings nicht zu haben, warnt er, und er stellt klar, dass die Lektüre eine "gehörige Mitarbeit" auf Leserseite fordert. Das liegt nicht zuletzt an der "Verschlüsselungskunst" des argentinischen Autors, der mit den Anfangsbuchstaben des Originaltitels auf die "Republica Argentina" anspielt und die Zensur der Militärregierung der Zeit täuschen musste, um sich nicht "um Kopf und Kragen" zu bringen, wie der Rezensent mitteilt. Worum es in dem Buch geht, ist für den Leser dieser Kritik nicht leicht auszumachen, aber soviel wird deutlich, dass ein Neffe über seinen seit langem verschwundenen Onkel forscht und schreibt, der selbst wiederum versucht, dass Leben eines "politischen Exilanten" aus der eigenen Familie um 1850 zu erkunden. Der entstehende Briefwechsel zwischen Onkel und Neffen wird zur Poetologie, indem er die "Gattung und das Medium" des Briefes reflektiert, so Breidecker beeindruckt. Im zweiten Teil des Romans, schwärmt der Rezensent, wird in einem "atemberaubenden philologischen Experiment" die Existenz der Geschichte und die "Erfahrung, die mit Bedeutung einhergeht" nachgewiesen.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 02.10.2002

Als sehr schwer erwies es sich für Ricardo Piglia, in seinem Heimatland Argentinien 1980 ein Buch wie "Künstliche Atmung" herauszubringen, ohne sich in Lebens-Gefahr zu begeben, schreibt Rezensent Timo Berger. Schrieb Piglia sein Werk doch "vor den Augen der Täter, der argentinischen Militärs", wie Berger ehrfurchtsvoll berichtet. Und doch, so bestätigt der Rezensent emphatisch, ist dem Autor dieser Balanceakt auf dem schmalen Grat zwischen politischer Brisanz und Suche nach der Wahrheit geradezu brillant gelungen. Und zwar mittels einiger literarischer Kniffe wie Verschachtelungen oder Zitaten. So sei mit der Geschichte um ein kurioses Detektivgespann ein eindrucksvolles Buch über den "Terror und die Sprachlosigkeit" entstanden, bei dem der Leser subtil, aber erkennbar dazu aufgerufen werde, zwischen den Zeilen zu lesen, um die wahren Absichten und Botschaften des Autors zu ergründen.