Klappentext

Ausgewählt, aus dem Französischen übersetzt und mit einer Einleitung von Reinhard Kaiser. Zwanzig Jahre lang hat der "Nächtliche Zuschauer" Rétif de la Bretonne damit zugebracht, nach Sonnenuntergang die damals größte Stadt der Welt zu erkunden: Paris. In einem an Tausendundeine Nacht erinnernden Rahmen präsentiert er die merkwürdigsten seiner Erlebnisse und Begegnungen den Lesern. Grabräuber - Bücherschmuggel in Gemüsegärten - Die bedrängte Frau - Der Geräderte - Fleißige Nichtstuer - Der Plakatabreißer - Das Geheimnis der Waschfrauen - Der nützliche Spion - Der Zeittotschläger - Die ersten Ballons - Tumult und Radau: Schon eine kleine Auswahl aus dem Inhaltsverzeichnis lässt erahnen, was für ein Schatz an Geschichten und Beobachtungen hier zusammengekommen ist.
Im Dezember 1788 erscheinen die ersten zwölf Bände dieses Riesenwerks, zwei weitere folgen im April 1789. Da spürt Rétif schon, wie sich in der Metropole neuer Stoff zu sammeln beginnt, Zündstoff für die Weltgeschichte. Er ist beim Ausbruch der Revolution selbst mit dabei. Von der Bastille kommt ihm eine Gruppe von Revolutionären mit den aufgespießten Köpfen des letzten Gouverneurs dieses Gefängnisses und des eben noch amtierenden Bürgermeisters von Paris entgegen. Er wird in den nächsten Jahren immer wieder Augenzeuge von Mord und Zerstörung, von Phasen des Glücks- und Freudentaumels, von Gräueltaten, Massakern, Hinrichtungen - und setzt sein Buch fort.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 08.11.2019

Claudia Mäder lernt mit den Erzählungen Rétif de la Bretonnes aus dem nächtlichen Paris nicht nur die Lumpensammler und Prostituierten aus der Nähe kennen, die Mängel und Fortschritte der boomenden Großstadt Ende des 18. Jahrhunderts, sondern auch den Wandel der Gesellschaft nach dem Ausbruch der Revolution. Der "Bruch" zeigt sich für sie in der Ablösung der eher zufälligen Beobachtungen durch den chronologischen Zeitzeugenbericht über das politische Geschehen. Faszinierend ist letzterer für Mäder nicht zuletzt aufgrund der Wandlung des Autors vom Monarchisten zum "Sprachrohr der Jakobiner". Zu den Widersprüchen, die der Band auch abbildet, findet sich laut Mäder Informatives in der Einleitung des Übersetzers Reinhard Kaiser.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 15.10.2019

Höchste Zeit, Retif de la Bretonne aus der Vergessenheit zu holen und neben den Marquis de Sade zu stellen, findet Rezensentin Tania Martini die sich von dieser Auswahl "Retif'scher Nächte" gern zu einem Streifzug durch Paris hat mitnehmen lassen. Die ursprünglichen "Nächte von Paris" umfassen dreitausend Seiten in vierzehn  Bänden, für die Bretonne, von den Surrealisten als "Rousseau der Gosse" bezeichnet, zwanzig Jahre durch Paris zog, um in der Folge Briefe an eine "schwermütige Marquise" zu schreiben, um jener Abgründiges, Erotisches und Kurioses aus der nächtlichen Parallelwelt zu berichten. So wird diese Auswahl für Martini zu einem "wertvollen" Stück Sozial-, Alltags- und Sexualgeschichte, der sie vor allem fesselnde Erzählungen aus den Revolutionswirren entnimmt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 08.10.2019

Anja Laud empfiehlt den schonungslosen Blick von Rétif de la Bretonne auf das vor- und nachrevolutionäre Paris. Wie der Autor auf nächtlichen Streifzügen Bordelle und Spelunken sieht, die kleinen Leute und den Schmutz der Stadt, findet sie lesenswert, auch wenn der Autor sich moralisch nicht immer eindeutig positioniert. Reinhard Kaisers Übersetzung der Auszüge aus "Les Nuits de Paris", sein Vorwort und seine Kommentare führen Laud gut durch den Text.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 05.10.2019

Barbara Vinken streift liebend gerne mit Rétif de la Bretonne durch das nächtliche Paris der Jahre 1789 bis 1793. Die Mitmenschlichkeit wie der Terror, die Liebe wie das untergründig Perverse im vorrevolutionären Paris und der Ennui einer Marquise - all das vermag ihr der flanierende Autor charmant zu vermitteln. Als Frauenbuch, Paris-Hommage und Plädoyer für hohe Absätze funktioniert der Band gleichermaßen, erklärt Vinken begeistert.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.09.2019

Katharina Teutsch empfiehlt Nicolas Edmonde Rétif de la Bretonnes Reportagen aus dem vorrevolutionären und revolutionären Paris in der "lässigen" Fassung von Reinhard Kaiser. Was der Bauernsohn Rétif de la Bretonne aus der Welt der Prostituierten, Handwerker, Kneipiers, Krämer und Wäscherinnen berichtet, lässt Paris laut Teutsch als "Mängelexemplar" erscheinen. Für das Anprangern fehlender Dachrinnen ist sich der Autor nicht zu schade, stellt Teutsch fest, aber sein Hauptaugenmerk liegt auf der Ungleichheit. Der Leser erkennt in reiner Anschauung sämtliche Themen des politischen Diskurses in Frankreich und ihre Aktualität bis heute, erklärt Teutsch.
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Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 29.08.2019

Rezensent Christoph Vormweg rät, sich ganz naiv auf die Reportagen und Porträts aus dem Umkreis der Französischen Revolution von Rétif de la Bretonne einzulassen. Die dankenswerte informative Einleitung des Übersetzers Reinhard Kaiser solle der Leser lieber später lesen. Auf die Art erlebt Vormweg das Buch als Fundgrube von Orten, Anekdoten und Gestalten aus dem Paris des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Dass den Autor zugleich immer die Frage umtreibt, wie Mensch und Monarchie in Einklang zu bringen wären, scheint Vormweg als Zuckerguss. Direkt in den Dialogen und Schicksalsbeschreibungen aus dem Milieu der Armen, Kriminellen und Verlierer, entwickeln die mal berichtenden, mal reflexiven Texte laut Rezensent eine mitreißende Dynamik.