Herausgegeben von Günter Frank und Friedrich Niewöhner. Unter Mitarbeit von Sebastian Lalla. Die Vorstellung von einer Einheit und Einheitlichkeit der christlichen Religion (orbis christianus) in der Patristik und im Mittelalter erweist sich als eine Illusion. Tatsächlich gibt es seit dem Entstehen des Christentums eine Vielzahl von heterodoxen Bewegungen, die teilweise niemals von der christlichen Kirche absorbiert werden konnten. Bewegungen wie die frühchristliche Gnosis, Paulikianer, Bogumilen, Antitrinitarier, Katharer, Albigenser und Waldenser, markieren einen religionsgeschichtlichen Gürtel zwischen Armenien und der iberischen Halbinsel, dessen Lebendigkeit die Jahrhunderte überdauerte. Der vorliegende Band gibt einen exemplarischen Einblick in die Geschichte einiger dieser Bewegungen unter dem bis ins 19. Jahrhundert verwendeten Leitbegriff einer sogenannten Vorreformation.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 02.06.2004
Die Ketzer- und Reformbewegungen des Mittelalters würden meist nur als Vorläufer der Reformation wahrgenommen, bedauert Friedemann Voigt, was seines Erachtens an der antihistorischen Strömung des Neuen Protestantismus im 19. Jahrhundert lag, die alle Vorläufer enthistorisierte, weil sie die einmalige Stellung Luthers und der Reformation gefährdeten. Damit wurde den Vorreformatoren doppelt Unrecht angetan, schlussfolgert Voigt: von der katholischen Kirche wurden sie zu Ketzern erklärt, von der Reformation vereinnahmt, später aktiv übergangen. Um so mehr begrüßt der Rezensent den vorliegenden Band, der den verschiedenen Ketzerbewegungen individuelles Profil verleiht. Das gibt es die Waldenser und die Wycliffiten, Reformatoren wie Joachim von Fiore und Tauler oder den "Catalogus testium veritatis" von Flacius, der eine Sammlung antipästlicher Scbriften enthielt und bereits die "Umwertung der Werte" festschreibt, so Voigt: aus Ketzern wurden Heilige, aus dem Papst der Anti-Christ usw. Für ihn der Entwurf einer "politischen Theologie par excellence". Dieser Band läßt den verschiedenen Bewegungen Recht widerfahren, schließt Friedemann Voigt befriedigt.
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