Europas Parteiensysteme und die Dekonsolidierung des Nationalstaats
C.H. Beck Verlag, München 2026
ISBN
9783406846212 Gebunden, 173 Seiten, 18,00
EUR
Klappentext
Entlang welcher Linien sortieren sich die politischen Konflikte unserer Zeit? Unsere hergebrachten Ordnungsbegriffe scheinen mittlerweile keine sichere Orientierung mehr zu bieten. Denn heute steht häufig ein linkes Bürgertum gegen eine rechte Arbeiterschaft - und "progressiver Neoliberalismus" und kulturell rechte, aber zunehmend verteilungspolitisch linke populistische Parteien markieren die Pole einer neuen Hauptachse des politischen Konflikts. In Spaltungslinien interpretiert der Politikwissenschaftler Philip Manow diese neue Lage als Resultat der Transformation europäischer Parteiensysteme. Diese Transformation selbst, so die zentrale These des Essays, ist eine Reaktion auf die Infragestellung des Nationalstaats als jener Ebene, auf die hin sich bislang gesellschaftliche Interessen organisiert hatten. Wenn diese Diagnose zutrifft, ist die Krise der Gegenwart nicht mit dem Aufkommen einer neuen, kulturellen Spaltungslinie zu erklären - etwa als Gegnerschaft von Kosmopoliten und Kommunitaristen, von "Anywheres" und "Somewheres". Sie führt vielmehr zur Erosion bisheriger Formen politischer Interessenvermittlung, so dass unser gewohnter Fokus auf Parteien und ihre relative Stärke uns über die politische Entwicklung gar nicht mehr hinreichend aufzuklären vermag. Sie führt weiterhin zur Ausbildung einer neuen Hauptkonfliktachse zwischen gesellschafts- und verteilungspolitischem Liberalismus einerseits und gesellschafts- und verteilungspolitischem Illiberalismus andererseits.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 15.06.2026
Nils Schniederjann bedauert sehr, dass der Politikwissenschaftler Philip Manow sein neues Buch auf so dünne empirische Beine stellt. Manows These von einer neuen Trennlinie zwischen liberal und illiberal findet Schiederjann nämlich äußerst stark. Die Gespanntheit auf Manows Ausführung seiner scharfsinnigen Diagnose weicht beim Rezensenten allerdings bald der Ernüchterung über mangelnde Belege. Dass Manow die AfD zudem nur am Rand behandelt, gefällt Schniederjann auch nicht. Allerdings: Manow bleibt für den Rezensenten ein diagnostisch starker Denker, der liberale Weltoffenheit als umfassende politische Position erkennt - eine potenziell produktive These, findet der Rezensent.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.06.2026
Rezensent Jürgen Kaube ist nicht mit allem einverstanden, was Philip Manow hier über die Bruchlinien im politischen System Europas zu sagen hat, insgesamt spricht ihn die Analyse aber an: Manow stellt die übliche Gegenüberstellung von rechten und linken politischen Kräften in Frage und analysiert stattdessen drei unterschiedliche Lager, die unsere Gegenwart prägen: eine populistische Rechte, die sich ökonomisch linken, protektionistischen Positionen annähert; eine breite Mitte, die ökonomisch neoliberale, also rechte Positionen vertritt, gesellschaftspolitisch jedoch links beziehungsweise liberal denkt und sich nicht mehr an Nationalstaaten, sondern an Europa orientiert; sowie eine radikale Linke, die im Neoliberalismus die Wurzeln allen Übels identifiziert. Mit letzterer beschäftigt sich das Buch allerdings eher am Rand, es geht vor allem um den Gegensatz zwischen Populisten und der europafreundlichen Mitte. Ein Vorteil dieses Ansatzes ist, findet Kaube, dass er erklärt, warum die Wähler rechter Parteien sich von proeuropäischer Politik sowohl ökonomisch als auch kulturell überfahren fühlen. Nicht ganz so sicher ist sich der Rezensent allerdings mit Blick auf die vermeintlich linke Wirtschaftspolitik der Rechten - die Lage ist da zumindest komplexer. Auch hat Kaube den Eindruck, dass Manow letztlich doch zu sehr ökonomisch denkt und alle übrigen politischen Fragen etwas voreilig unter der Rubrik "Gesellschaftspolitik" subsumiert. Dennoch kann man laut Kaube mit diesem Buch produktiv darüber nachdenken, wie sich das Verständnis von Staatlichkeit derzeit quer durch alle politischen Lager verändert.
Rezensent Eckhard Jesse liest Philip Manows neues Buch mit viel Interesse und ein bisschen Skepsis. Manow argumentiert, dass die entscheidenden politischen Konfliktlinien in unserer Gegenwart nicht mehr zwischen rechts und links verlaufen, sondern zwischen liberalen und illiberalen Positionen, insbesondere mit Blick auf die Europapolitik. Die Konzentration auf rechts und links übersieht laut Manow, dass in diesen Kategorien sozioökonomische (Verteilungsgerechtigkeit) und soziokulturelle (Einwanderungsgesellschaft) oft auf wenig produktive Weise vermischt werden. Sinnvoller ist für ihn eine Differenzierung zwischen pro-europäischen Mitte-Parteien und europakritischen Parteien an beiden politischen Rändern. Jesse ist sich in diesem Punkt nicht ganz sicher und fragt: Ist die Europapolitik wirklich so wichtig, dass sie auch nationale Wahlen entscheidet? Dennoch hat der Autor, heißt es zum Schluss, ein inhaltlich wie methodisch anspruchsvolles Buch jenseits moralisierender Schnellschussdiagnosen geschrieben - empfehlenswert ist es freilich ob seiner Komplexität eher für Fachleute als für Laien.
Wie lässt sich die AfD stoppen, fragt die Zeit auf ihrer Titelseite und sucht auf mehreren Seiten Antworten. Der Politikwissenschaftler Philipp Manow erklärt im Interview noch einmal, warum seiner Ansicht nach die Labels "links" und "rechts" nichts mehr taugen: Weil heute Parteien wie die AfD "das kulturell Rechte mit dem ökonomisch Linken kombinieren", sagt er. "Im vorherrschenden Paradigma meiner Profession kommen unsere Konflikte nur als kulturelle vor, oder aber die Rechtspopulisten gelten als neoliberal. Die Ablehnung der EU wird dann als eine Form mangelnder Weltoffenheit gedeutet. Aber wer will argumentieren, die europäische Integration sei eine rein kulturelle Frage? Natürlich gibt es kulturelle Konflikte rund um Migration, natürlich gibt es Xenophobie - wer wollte das abstreiten? Aber Migration hat zweifellos auch eine verteilungspolitische Seite. Das herrschende Paradigma hat sich festgelegt auf die kulturelle Dimension unserer Konflikte. Es scheint mir jedoch immer offenkundiger, dass dieses Erklärungsschema weder theoretisch noch empirisch sonderlich gut funktioniert." Dass es trotzdem so beliebt ist, liege daran, dass es "für alle, die mit Offenheit einverstanden sind, ein attraktives Deutungsangebot bietet - man kann das als Wertekonflikt framen zwischen einer tolerant-progressiven und einer ewiggestrigen Fraktion, ohne sich über die ungleichen Verteilungseffekte einer Politik der Offenheit Rechenschaft ablegen zu müssen." Unser Resümee
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