Das "dunkle Jahrhundert" des italienischen Barock: außenpolitische Bedeutungslosigkeit und spanische Fremdherrschaft, schlechte Verwaltung und allgegenwärtige Korruption, Herrschaft eines fanatischen Klerus und blutsaugerischen Adels, Pest und wirtschaftlicher Niedergang, Verfolgung der Intelligenz (der Fall Galilei) durch Inquisition und Index, barocker Schwulst und sinnlose Ressourcenverschwendung - so das herkömmliche Bild des "secolo di decadenza". Peter Hersche interpretiert das barocke Zeitalter in Italien zwischen 1600 und 1750 ganz anders. In seiner Darstellung des italienischen Südens, dem Leben von Adel, Klerus und gewöhnlichem Volk, Sexualität, Ehe und Familie, Bruderschaften, Stiftungswesen und Laienfrömmigkeit, dem Niedergang von Gewerbe und Handel bei gleichzeitigem Aufblühen einer neuzeitlichen Landwirtschaft, sowie der gewaltigen Bedeutung von Kunst und Musik im Barock zeigt er die Epoche als große Konsolidierungsphase, die Italien ein langes "goldenes" Zeitalter beschert.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.11.1999
Bei Hersche, so meint der Rezensent Markus Völkel, stelle sich das italienische Barock als eine „Zeitinsel“ dar, als ein Widerstand gegen die unerbittliche Dynamik des Modernisierungsprozesses in der europäischen Geschichte und als Rückzug in eine ländliche Idylle, der am Ende die Kultur bereicherte. Dieser Kultur wolle Hersche ganz im Sinne der neueren Kulturgeschichte, wie sie etwa in Frankreich betrieben wird, einen politischen Status geben. Völker findet das sympathisch. Das Buch sei „eine Liebeserklärung an Italien“.
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