Peter Glotz

Die Vertreibung

Böhmen als Lehrstück
Cover: Die Vertreibung
Ullstein Verlag, München 2003
ISBN 9783550075742
Gebunden, 272 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

Der Publizist Peter Glotz, der 1945 selbst aus dem Sudentenland vertrieben wurde, erzählt am Beispiel Böhmens von der Vertreibung der Deutschen am Ende des Zweiten Weltkriegs. Er schildert den Mechanismus der Verfeindung, die Entstehung des Nationalismus, der 1848 seinen Anfang nahm. Er zeigt, wie sich Tschechen und Deutsch-Böhmen im Laufe der Zeit Schritt für Schritt voneinander entfernt haben und beschreibt, wie es endete: in Unrecht und unsagbarem Leid. Wie aktuell das Problem ist, belegen die zahlreichen ethnischen Konflikte, die in unserer Gegenwart Flucht und Vertreibung mit sich bringen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.12.2003

Peter Glotz war der einzige prominente Sozialdemokrat, der die Vertriebenen nicht pauschal unter Revanchismusverdacht stellte und die Errichtung eines Zentrums gegen Vertreibung befürwortete, schreibt Karl-Peter Schwarz anerkennend. Unter diesem Aspekt sei das Buch besonders interessant, auch wenn es auf die aktuelle Debatte über die Zentrumsgründung keinen Bezug nehme. Schwarz lobt den "ergiebigen Querfeldeinlauf des Autors durch mehrere Jahrhunderte böhmischer und europäischer Geschichte". Nur die "großzügig gestreuten Urteile" Glotz' missfallen ihm. Wozu der Vergleich zwischen dem Massaker 1919, als tschechische Soldaten auf unbewaffnete deutsche Arbeiter schossen, mit der Ermordung irakischer Zivilisten durch amerikanische Soldaten? Solche Vergleiche findet Schwarz nicht überzeugend. Und Glotz' Behauptung, der "arme Herder" sei Schuld gewesen am Aufkommen des Nationalismus in Böhmen sowie Ost- und Mitteleuropa, quittiert Schwarz mit hochgezogener Augenbraue und einem ungläubigen: "Tatsächlich?"
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 22.11.2003

Rezensent Rainer Hoffmann zeigt sich insgesamt zufrieden mit Peter Glotz' "Chronik" deutsch-tschechischer Vertreibungen. Als Thema des Buches nennt Hoffmann "die Vertreibung" als Konstante in der heillosen Geschichte des Nicht-Zusammenleben-Könnens oder -Wollens von Tschechen und Deutschen. Im Wesentlichen konzentriere sich Glotz dabei auf tschechisch-deutsche Verfeindungs-, Unterdrückungs- und Vertreibungsgeschichte zwischen 1848 bis 1945. Hoffmann hebt hervor, dass Glotz sein Buch nicht als historische Arbeit, sondern als politisches Buch gegen den Nationalismus verstanden wolle, wobei es ihm nicht um Aufrechnung, sondern um Aufklärung gehe. Hoffmann kann sich jedoch nicht des Eindrucks erwehren, dass das Buch unter Zeitdruck entstanden ist. Damit erklärt er jedenfalls einige vermeidbare Schludrigkeiten des Werks in sprachlicher, formaler, argumentativer und inhaltlicher Hinsicht.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 27.10.2003

Einen schalen Nachgeschmack hat Peter Glotz' Buch über die Vertreibung bei K. Erik Franzen hinterlassen. So ehrenwert das Unterfangen sei, "den Finger in die Wunden aller Protagonisten zu legen", so sehr nervt Franzen der "permanent durchscheinende Besserwissergestus". Glotz präsentiere sich hier als brutalstmöglicher Aufklärer, als volksnaher Gegenstromschwimmer oder auch als guter Polizist, bemängelt der Rezensent, der auch den methodischen Zugang - "Gedanken, Absichten und Politik der großen Männer - nicht wirklich innovativ findet. Negativ rechnet er Glotz aber vor allem an, dass er seinen Blickwinkel auf die Eskalation der ethnischen Beziehungen reduziere und die böhmischen Geschichte allein als einen "Prozess der Verfeindung" darstelle, ohne die Spielräume eines friedlichen Zusammenlebens auszuloten.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 09.10.2003

Einen "ambivalenten Eindruck" hat Peter Glotz' Buch über die Vertreibung von drei Millionen Deutschen aus der Tschechoslowakei nach Ende des Zweiten Weltkriegs bei Rezensent Klaus Bednarz hinterlassen. Als "großen Verdienst" des Buches würdigt Bednarz, dass Glotz die Vertreibung der Deutschen aus Böhmen und Mähren in den historischen Kontext stellt. So zeige er in einer "faktenreichen Darstellung", was der Vertreibung vorausging: deutsche Besetzung und Nazi-Terror. Nach Darstellung von Bednarz geht es Glotz vor allem darum, am Beispiel Böhmens den "Mechanismus der Verfeindung" (Glotz) aufzuzeigen. Dass er dafür die Jahrhunderte lange Geschichte der Deutschen in Böhmen auf einen Nationalitätenkampf reduziert und nebenbei Herder als "geistigen Ahnherrn von ethnischer Vertreibung" darstellt, erscheint Bednarz dann allerdings ziemlich fragwürdig. Bedauerlich findet er zudem, dass Glotz dem eigentlichen Vertreibungsgeschehen vergleichsweise wenig Raum einräumt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 06.10.2003

Wie Daniel Brössler hervorhebt, ist dieses Buch über die Vertreibung der Deutschen aus Böhmen und über deren Vorgeschichte zugleich das Buch eines "Betroffenen" und eines Politikers - doch der Autor vermag den Rezensenten in beiden Rollen weitgehend zu überzeugen. Für Brössler ist es Peter Glotz darüber hinaus gelungen, die Geschichte hier anhand eines Fadens zu erklären, "der vieles besser verstehen lässt", auch wenn er nicht "alles erklären kann". Mit diesem Faden verbindet Glotz, so der Rezensent, die Geschichte der deutschen und der tschechischen Böhmen seit 1848 zu einem, wie der Untertitel es ankündigt, "Lehrstück" des "wachsenden Nationalismus auf beiden Seiten". Hier, lobt Brössler, ist es Glotz gelungen, zu zeigen wie der Nationalismus gemacht wurde, und was er "mit den Menschen" machte. Und als Betroffener wendet Glotz sich im Vorwort, wie man weiter erfährt, gegen "politisch korrektes Gesäusel" und "allgemeines, niemanden schmerzendes Versöhnungsgerede". Nur wer den Mut habe, seine Verletzungen zu zeigen, heiße es da, könne auf Verständigung hoffen. Wie der Rezensent hervorhebt, verfällt Glotz nun aber deshalb nicht in "politisch unkorrektes Gepolter", Er wolle die Geschichte vielmehr "fair erzählen" - und größtenteils tue er es auch, so unser Rezensent. Nur mit Edvard Benes und der Tschechoslowakei geht Glotz dann doch "härter ins Gericht, als gerecht erscheint", findet Brössler.
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