Aus dem Französischen von Jürgen Ritte. Das titelgebende Meroe - das ist die erstmalig bei Herodot erwähnte Stadt am Nil im "Reich von Kusch", wie das antike Nubien, heute Sudan, in der Bibel genannt wurde. 200 km südlich, dort, wo der Weiße und der Blaue Nil zusammentreffen, in Khartum, der schimärischen Stadt aus Sand, Gebeten und Wahnsinn, in der die Hitze alles zum Flimmern bringt, sitzt der Erzähler in seinem selbst gewählten Exil. Er wartet auf die Polizei, die ihn nach dem Tod einer jungen Archäologin befragen wird, die unter ungeklärten Umständen ums Leben kam. Sie wurde auf der Ausgrabungsstätte von Meroe verschüttet.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.04.2018
Rezensent Niklas Bender ist glücklich, dass Olivier Rolins 1998 im Original und bereits 2002 im Berlin Verlag erschienener Roman "Meroe" noch einmal neu auf Deutsch veröffentlicht worden ist. Ohnehin mag der Kritiker den Erzählton des einst militanten Linksextremen, der als Lektor beim katholischen Verlag Seuil die Mao-Bobel herausgab und der ihm hier unter der Oberfläche eines schwarz gefärbten Whodunits ein ganzes "Menschheitspanorama" ausbreitet: Erzählt wird die Geschichte eines anonymen Französischlehrers, der, während er an einer Grabungsstätte im Sudan auf den mordverdächtigen Archäologen Heinrich Vollender wartet, über persönliche Liebesnöte und das Scheitern im Allgemeinen sinniert. Wie Rolin die Schicksale seiner Figuren, aber auch zahlreiche historische Referenzen, literarische und popkulturelle Zitate in kreisförmigen Erzählbewegungen ineinander greifen lässt, hat den Rezensenten beeindruckt.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 19.11.2002
Die "Tonlage" der Bücher dieses Autors empfindet Thomas Laux als einen "nostalgisch-melancholischen Basso continuo", der auch in diesem Roman, wie der Rezensent meint, wieder vorherrscht. Es geht hier um das "Thema Verlust und Scheitern", schreibt Laux, um das sich "verschiedene, sich überlagernde Erzählstränge" ranken. Verlust, die "Simulation" einer Beziehung mit einer "Art Doppelgängerin" und die Liebe zu einer Frau, die umgebracht wird: das alles, so Laux, wird durch den Protagonisten mit kolonialer Geschichte so verwoben, dass eine Erzählung des "permanenten Zu-spät" daraus wird. Der Roman selbst ist der Versuch, "in konzentrierter Revision - im Schreiben" dieser Erfahrung "neue Facetten abzugewinnen". Rolin sei "der letzte große Romantiker der Verfehlung", zieht Thomas Laux als "vorläufig-vorsichtige" Bilanz.
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