Abdulrazak Gurnah

Die Abtrünnigen

Roman
Cover: Die Abtrünnigen
Berlin Verlag, Hamburg 2006
ISBN 9783827005786
Gebunden, 350 Seiten, 22,90 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Stefanie Schaffer-de Vries. Afrika, frühe fünfziger Jahre: Der ganze Kontinent wird von Aufständen gegen die koloniale Fremdherrschaft erschüttert. Inmitten dieser politischen Umwälzungen wachsen in Sansibar die Geschwister Amin, Rashid und Farida auf. Amin verliebt sich in die einige Jahre ältere Jamila, und es beginnt, zunächst heimlich, eine große, leidenschaftliche Liebesbeziehung, die aber schon bald am Widerstand seiner Familie und an den gesellschaftlichen Zwängen zu zerbrechen droht. Denn um die geheimnisvolle Jamila ranken sich allerlei Gerüchte: schon einmal sei sie verheiratet gewesen, ihr Mann habe sie verstoßen, ein Fluch liege auf ihrer Familie. Im Strudel der Revolution müssen die drei Geschwister voneinander Abschied nehmen. Rashid geht nach Europa, es werden Jahrzehnte vergehen, bis er seine Familie wiedersieht. Doch das tragische Schicksal seines älteren Bruders lässt Rashid auch im fernen Europa nicht los, und er begibt sich auf eine Spurensuche, die ihn tief in die afrikanische Kolonialgeschichte führt - und schließlich das Geheimnis um Jamilas Familie lüften lässt: Auch ihre Großmutter hatte einst für eine verbotene Liebe alles riskiert...

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 24.02.2007

Großen Eindruck hat der sechste Roman Abdulrazak Gurnahs bei Rezensent Tobias Rapp hinterlassen. Der britische Literaturprofessor und "brillante Erzähler" vermittele darin "kunstvoll" und, wie sich Identitäten in unseren postkolonialen Zeiten herstellen. Der Roman erzählt Rapp zufolge "eine doppelte Liebesgeschichte". Die eine spiele um 1900 zwischen einem britischen Orientalisten und einer Kenianerin namens Rehana und scheitere am Ende, trotz eines gemeinsamen Kindes. Protagonisten der zweiten, ebenfalls scheiternden Liebengeschichte fünfzig Jahre später seien der Erzähler und die Enkelin der unglücklichen Rehana. Im Spannungsverhältnis dieser beiden Liebessgeschichten macht der Autor offensichtlich sehr eindringlich nachvollziehbar, wie sich der Kolonalismus in die Seelen der Menschen gegraben hat und jenseits ihres Willens ihr Handeln und Fühlen steuert. In seine Kernerzählung flechte Gurnah auch viele weitere Geschichten ein, die für Rapp die postkoloniale Tragödie insgesamt ausgesprochen ergreifend nachvollziehbar machen.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 20.01.2007

Als "großes Werk" feiert Rezensent Heinz Hug diesen Roman des aus Sansibar stammenden Schriftstellers. In seinem "komplex" komponierten Roman verhandele Abdulrazak Gumah das Thema Identität, und zwar unter dem Blickwinkel seiner Konstituierung unter den Bedingungen des Kolonialismus. Die Handlung setzt Hug zufolge im Jahr 1899 mit einem kolonialismuskritischen englischen Orientalisten ein, der sich in die Schwester seines kenianischen Gastgebers verliebt. An einer weiteren "unmöglichen Liebe" viele Jahrzehnte später spiele Gumah ein zweites Mal seine Reflexionen und Gedanken über Identitätskonzepte und ihr kolonialistisches Wertegefälle durch. Hier erhält der Rezensent - neben einem offensichtlich sehr intensiven Leseerlebnis - spannende und erhellende Einblicke in verschiedene soziale Sphären, besonders der Kisuaheli- und Muslimkultur in Ostafrika. Und zwingende, hautnahe Beschreibungen der Ursprünge von Konflikten, die bis heute das Zusammenleben der Kulturen trüben. Auch die deutsche Übersetzung erfährt als "trefflich" ihre Würdigung.
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