Die totalitären Regime im 20. Jahrhundert haben schon in den Interpretationen der Zeitgenossen eine breite Spur hinterlassen. Die Auseinandersetzung um die zutreffende Deutung von Kommunismus, Faschismus und Nationalsozialismus dauert bis heute an. Am bekanntesten geworden sind die Konzepte des Totalitarismus und der Politischen Religionen. Der abschließende dritte Band des internationalen Forschungsprojekts "Totalitarismus und politische Religionen" fasst die bisherigen Ergebnisse der Forschung handbuchartig in sechs großen Kapiteln zusammen: Zur Deutung totalitärer Herrschaft 1919-1989; das klassische Verständnis: Tyrannis und Despotie; die neuen Zugänge; zu Begriff und Theorie der Politischen Religionen; Faschismus und nicht-demokratische Regime; Interpreten des Totalitarismus.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 21.02.2004
Insgesamt positiv beurteilt Norman Birnbaum diesen Sammelband, in dem Hans Maier und seine Kollegen die Ergebnisse ihrer jahrelangen Forschung vorlegen. Birnbaum berichtet, dass die Autoren - ausgehend vom Konzept der "politischen Religion" - zwischen dem modernen Totalitarismus und archaischen sowie vormodernen Tyranneien unterscheiden, wobei Maier die Formen des Totalitarismus als Ersatz- oder, genauer, als unechte Religionen begreife, als "pathologische Antworten" auf das universelle Bedürfnis des Menschen nach schlüssigen Erklärungen für die historische Welt. Birnbaum hält fest, dass sich die Autoren auf die Idee des Totalitarismus als Teil der Geschichte der politischen Theorie konzentrieren. Bedauerlich findet er, dass die Autoren des Bandes nicht über Abbott Gleasons kritische Studie "Totalitarismus; die interne Geschichte des Kalten Krieges" (1997) nachgedacht haben. Außerdem vermisst er Zeugenaussagen von denen, die in der UdSSR, dem Sowjetblock oder dem kommunistischen China lebten und sich kaum still verhalten haben dürften. In diesem Zusammenhang lobt er den einzigen empirische Beitrag des Bandes, Juan Linz' Analyse der verschiedenen Arten des Faschismus, der aufzeige "wie schematisch, ja fast mystisch die Vorstellungen vom Totalitarismus" geworden sind. Alles in allem zeichnet sich das Buch für Birnbaum dadurch aus, "dass es den Kampf mit der Komplexität der Materie nicht scheut - und sich ebenso wenig scheut anzuerkennen, dass unser Verständnis der Welt viele Mängel hat. Dafür stehen wir in der Schuld der Autoren."
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