Das Jahr 1914: Wagners Bühnenweihfestspiel "Parsifal" wird zur Aufführung an Bühnen außerhalb Bayreuths freigegeben und der Erste Weltkrieg beginnt. Beide Ereignisse sind in beunruhigender Weise miteinander verbunden. Die Rezeption des "Parsifal" und die Auseinandersetzung mit dem Kriegsereignis haben einen gemeinsamen ideologischen Nenner: die Vermischung mit dem Religiösen und die Sakralisierung des Denkens. Das Kunstwerk "Parsifal" entpuppt sich in dieser Analyse als ein aktuelles, brisantes politisches Stück, in dem sich Denken und Mentalität einer ganzen Epoche zu einem geistigen Panorama verdichten. Hier haben sie alle ihren Auftritt: von Arthur Schopenhauer und Houston Stewart Chamberlain, über Oswald Spengler, Otto Weininger und Walther Rathenau bis hin zu Adolf Hitler. Verhängnisvoll waren schließlich in der Parsifal-Wahrnehmung und in der "geistigen Mobilmachung" die Ausblendung der Wirklichkeit und die Suspendierung der Vernunft.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 29.11.2003
Nora Eckerts Arbeit über Richard Wagners "Parsifal" und die deutschtümelnde Kriegsbegeisterung vor 1914 hat Rezensent Rudolf Walther in keiner Weise überzeugt. Zwar stimmt er Eckerts Einschätzung von Wagners Bühnenweihfestspiel als "national ausgerichteter Sakralisierung" zu. Auch ihre behauptete Parallele von Parsifals Erlösungsmission und nationalistischer Kriegsverherrlichung bis hin zur geistigen Mobilmachung für den "Erziehungskrieg" im "Geist von 1914" hält Walther vorsichtig für "vielleicht nicht einmal falsch". Allerdings gelinge es Eckert nicht, ihre These mit Argumenten stichhaltig zu belegen. Den Grund sieht Walther darin, dass Eckert sich nicht auf eine philologisch-hermeneutische Analyse des Materials auf Grundlage präziser Fragestellungen einlässt, sondern sich mit einem "Panoramablick" über "geborgte Zitate" begnügt. So gerate das Buch über weite Strecken zu einem bloßen Namedropping. Der Zusammenhang zwischen bildungsbürgerlichem "Parsifal"-Kult und dem "Geist von 1914" bleibe insgesamt eine "diffuse Behauptung". Ärgerlich findet Walther, dass die Autorin reichlich Themenfremdes zitiert. Darüber hinaus bemängelt er generell das Fehlen einer "sachgemäßen Gliederung" und von "präzise Leitfragen".
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 11.10.2003
Wagnerianer und Antiwagnerianer werden sich freuen, denkt Gangolf Hübinger, denn viel interessantes Material hat Nora Eckert "anschaulich" aufbereitet. Das Problem ihres Buches sei die These: Wagners "Parsifal", uraufgeführt 1914 und Ursache eines "kunstreligiösen Rausches", der ganz Deutschland erfasste, ist laut Eckert der unmittelbare Auftakt für die "rauschhaften Kriegsbegeisterung" einige Monate später und letztlich für die Ereignisse von 1933 gewesen. Dass ein Zusammenhang existiert, will Hübinger gar nicht abstreiten, nur ist er enttäuscht, dass Eckert anstatt des angekündigten "Panoramablicks" auf die deutsche Mentalitätslage anno 1914 vor allem Kurzschlüsse und Pauschalisierungen (etwa: "Man wähnte sich in heiliger Zeit.") zu bieten habe. Der Zusammenhang zwischen der Wagner-Oper und dem Zeitgeschehen sei leider nicht der Ausgangspunkt für eine "geschärfte Rundsicht auf die Topografie der deutschen Kultur", sondern schon der Endpunkt der Argumentation.
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