Mitte der 1970er-Jahre avancierte der italienische Eurokommunismus zu einer massiven sicherheitspolitischen Herausforderung, weil er sich der klassischen Ost-West-Logik entzog. Eine im Nachkriegsitalien noch stark an der Sowjetunion orientierte kommunistische Massenpartei wollte sich in einem geostrategisch zentralen Mitgliedsstaat der NATO von Moskau lösen und infolge demokratischer Wahlen die Regierung übernehmen. Wie reagierte der Westen darauf? Sollte man den Kommunisten Glauben schenken und am Ende möglicherweise einem Trojanischen Pferd Moskaus Einlass in die Machtzirkel des Westens gestatten? Am Beispiel der außen- und sicherheitspolitischen Strategien der USA und Westdeutschlands analysiert Nikolas Dörr die Ängste und Hoffnungen, die mit der eurokommunistischen Herausforderung in Italien verbunden waren und zeigt auf, welche Bedrohungen die westlichen Staaten befürchteten und welche Spannung sich daraus ergaben.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 17.08.2017
Der Eurokommunismus war kein "trojanisches Pferd für den Westen", wie die einen sich gewünscht, die anderen befürchtet hatten, weiß Rezensent Eckhard Jesse nach der Lektüre von Nicolas Dörrs Studie zur Entwicklung des Kommunismus im Europa des 20. Jahrhunderts. Stattdessen versiegte dieser Quell, nachdem er vierzig Jahre lang Hoffnungen und Sorgen genährt hatte. Geschlossen und detailreich beschreibe Dörr die Auseinandersetzungen der SPD und der Union mit der KPI, den italienischen Parteien und anderen, vernachlässige dabei aber leider die Rolle des US-amerikanischen Antikommunismus beim Untergang des Eurokommunismus - ein Mangel, der dieses Buch jedoch nicht weniger lesenswert macht, so der Rezensent.
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