Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt. Der Morgen des 24. Februar 2022 beginnt für Natascha wie jeder andere Tag. Und dann steht am Schultor die Deutschlehrerin ihrer Kinder und weint. Seit Beginn des Angriffskriegs auf die Ukraine führt Natascha ein Tagebuch und notiert, was sich in ihr und um sie herum abspielt. Wie sich in ihr lähmende Angst, Scham und Entsetzen breitmachen, während ringsum das Leben weitergeht, als sei nichts geschehen. Wie Einzelne sich trotz drohender drakonischer Strafen zum Protest auf die Straße wagen. Wie das Leiden der Ukraine wahrgenommen wird (oder auch nicht). Und wie die Sprache, das Gespräch unter Druck gerät - wie kann man noch reden und miteinander sprechen in einem Land, das den Gebrauch von immer mehr Wörtern verbietet? Kljutscharjowa kartografiert die Sphäre des Inoffiziellen in Russland - das "Tagebuch vom Ende der Welt" ist ein Zeugnis, das uns Einblick in eine mittlerweile geschlossene Gesellschaft gewährt.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 11.10.2023
Seit Ausbruch des Krieges gegen die Ukraine hat die russische Autorin Natalja Kljutscharjowa ein Jahr lang dieses Tagebuch geführt, dessen Veröffentlichung durch einen deutschen Verlag dafür sorgte, dass sie Russland mit ihren beiden Töchtern verlassen musste, weiß Rezensentin Ilma Rakusa. Dank des Mutes von Kljutscharjowa hält die Kritikerin dafür nun ein Dokument in den Hände, "das zum Himmel schreit", wie sie schreibt. Sie liest von Albträumen und Weinkrämpfen im Stillen, Demonstrationsversuchen mit Gleichgesinnten und staatlichen Repressionen. Entsetzt erfährt sie zudem von dem Hass, den die staatlichen Medien propagieren, aber auch von Gleichgültigkeit und "Unterwürfigkeit" der russischen Gesellschaft. Kljutscharjowas Ton ist es zudem zu verdanken, dass die Kritikerin das "Wechselbad der Gefühle" geradezu am eigenen Leib spüren kann.
Beeindruckt zeigt sich Rezensent Jens Uthoff vom Tagebuch der russischen Dissidentin Natalja Kljutscharjowa, das in ihrem Heimatland nicht erscheinen kann, dafür aber dem deutschen Publikum die Perspektive der Regimegegner näherbringt, die trotz allem im Land geblieben sind. Uthoff liest von der inneren Spannung, die das Leben der Autorin spätestens seit dem 24. Februar 2022 ausmacht, von der Frage, wie man sich trotzdem gegen das Regime wehren kann, aber auch, wie man in einer Diktatur (über)leben kann. Eindringlich schildert ihm die Autorin den Alltag der Bevölkerung in kleinen Ausschnitten und die Angst vor der Macht des Staates. Sehr empfehlenswert, so der Rezensent.
"Viele Russen haben nie gelernt, eigenständig zu denken. Statt das eigene Hirn schalten sie das staatliche Fernsehen ein", sagt die russische Schriftstellerin Natalja Kljutscharjowa, deren "Tagebuch vom Ende der Welt" gerade auf Deutsch erschienen ist. Unser Resümee
Julian Barnes: Abschied(e) Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Julian Barnes wird im Januar 2026 achtzig Jahre alt. Er weiß, dass die längste Zeit seines Lebens hinter ihm liegt, und er möchte… Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen Mit blinkenden Warnlichtern fährt die Erzählerin, eine namenlose Schriftstellerin, an den Straßenrand, als ein unerwarteter Anruf sie erreicht. Am Apparat ist ein gefeierter… Elias Hirschl: Schleifen Franziska Denk wächst im Umfeld des Wiener Kreises auf und leidet als Kind an einer seltsamen Krankheit: Jedes Symptom, von dem sie hört oder liest, bekommt sie sofort. In… Leila Slimani: Trag das Feuer weiter Aus dem Französischen von Amelie Thoma. Mia, erfolgreiche Schriftstellerin in Paris, kämpft mit "brain fog", einem Gehirnnebel, der ihre Erinnerungen und ihre Arbeit beeinträchtigt.…