Moritz von Uslar

Waldstein

oder Der Tod des Walter Gieseking am 6. Juni 2005. Roman
Cover: Waldstein
Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2006
ISBN 9783462036923
Gebunden, 208 Seiten, 17,90 EUR

Klappentext

Walter Gieseking, dreißig Jahre, in Großstädten aufgewachsen, seit sechs oder sieben Jahren mit Ellen von Galgern zusammen, ist plötzlich wieder allein unterwegs und taumelt durch das halbe Jahr, das ihm vor der Ehe bleibt - auf die es mit seiner Ex-Freundin Ellen wohl doch hinauslaufen wird. Er verlässt den gemeinsamen Wochenendsitz Waldstein, ein Gutshaus in Oberfranken, und fädelt sich mühelos wieder ein in sein altes Leben in der müden Hauptstadt Berlin. Freundschaften werden erneuert oder laufen aus. Die Arbeit wird getan. Bankkonten laufen wie selbstverständlich leer. Das Problem ist nicht, dass das Leben so nicht funktioniert. Das Problem ist, dass es zu gut funktioniert. Alles geht einfach immer so weiter. Schleichender Niedergang. Gieseking bewegt sich, er fährt nach München, Ellens Heimatstadt, um Mädchenluft zu schnuppern. Am Ende kann Gieseking, seinem berühmten Namensvorbild folgend, plötzlich Klavier spielen (Beethovens Klaviersonate Opus 53) und er kehrt nach Waldstein, dem Ort der Natur und der bürgerlichen Zweisamkeit, zurück.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 28.09.2006

Rezensent Wolfgang Schneider hat viel vom Debütroman dieses "beinahe genialischen Flaneurs" erwartet und wurde ziemlich enttäuscht. Denn die auf "Knall und Kick" ausgerichtete Sprache mit ihren "lässigen ornamental-ironischen Sätzen" hat aus seiner Sicht nur "rhetorische Luftnummern" produziert . Die seien zwar immer wieder witzig zu lesen. Irgendwann ist unser Rezensent all die "stilvollen Pirouetten" dann aber ziemlich leid und will mehr. Held sei ein Journalist, der Gast auf dem Familiensitz seiner adeligen Freundin wird. In diesem Zusammenhang kommt jener Walter Gieseking auch mit dem deutschen Wald in Berührung, wofür er sich, wie uns Schneider mitteilt, extra einen teuren Jagdblazer gekauft hat. "Ja, das ist Pop-Schnöseltum im Wald" gibt unsere Rezensent etwas eingeschüchtert zu Protokoll, wartet auf ein Problem oder gar so etwas Altmodisches wie einen Plot dann aber umsonst. Währenddessen trifft er immer wieder auf "hinreißende Passagen, amüsant und wahr". Doch irgendwie gewinnt das Buch nicht wirklich an Substanz und Schneider legt es schließlich genervt beiseite.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 11.05.2006

Ein "furioses" Romandebüt oder ein "seltsam unfertiges" Buch - Georg Diez kann sich nicht recht entscheiden. Die Konstellation scheint ja durchaus interessant zu sein. Gieseking, der titelgebende Protagonist, schlägt sich durch eine bei aller Überdrehtheit und Coolness seltsam leblose Berliner Mitte und sucht einen Ausweg aus der Lebenskrise in der Liebe. Dort aber, und dies gehört noch zu den besseren und "unterhaltsameren" Passagen des Romans, lauern die Fallstricke einer "leicht männerbündischen Frauenverachtung". Am Ende bleibt das symbolische Ableben des etwa 30Jährigen, der ein Leben mit "Kind und Wäscheklammern" wählt und zwar an jenem Tag, "an dem er sich für die Enge entscheidet, an der er leiden will, weil er leiden will". Sehr deutsch ist diese Dramaturgie, meint Diez, und sie hat wenig zu tun mit der optimistischen Nachwuchsoffensive großkoalitionärer Familienpolitik, eher schon mit antiquierten Rollenbildern als "Männer noch Männer waren und Frauen noch nicht".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 29.04.2006

Moritz von Uslar wegen seines unverwechselbaren "drängenden, dribbelnden" Deutschs in die Pop-Ecke der Literatur zu stecken, hält Rezensent Oliver Fuchs für einen großen Irrtum. Denn von Uslars Erzählung um den dreißig Jahre alten Journalisten Walter Gieseking - in dessen Leben eigentlich alles "okay" ist, aber eben nur okay, so dass er sich von seiner Freundin trennt, um in die Welt zu ziehen - hat wahrlich viel zu bieten. Zum einen das Außen: Beschreibungen von Orten, Menschen und Situationen, die so "genau" und "dicht" sind, dass sie wie "hyperrealistische Bilder" anmuten. Und dass Uslars Blick dabei der eines "verzweifelt Liebenden" ist und "frei von Zynismus, Häme und Verachtung" bleibt, hat dem Rezensenten besonders gefallen. Doch eigentlich, so der Rezensent, geht es um das Innen und dessen "Schauplatz": die Sprache. In der Tat werde mit Gieseking ein "deutscher Intellektueller" in Reinkultur porträtiert - "gedankenschwer und tatenarm - bis zur totalen Handlungsunfähigkeit über sich selbst aufgeklärt" - für dessen "Stop-and-go-Bewusstseinsströme" Uslars "Stakkato-Deutsch" ein geradezu ideales Ausdrucksmittel darstelle. Dass Uslar auch anders kann, so der rundum angetane Rezensent, zeigt sich spätestens am 6. Juni 2005, wenn Giesekings Sätze sich glätten und fließen, weil sein Ringen mit dem Leben und der Möglichkeit eines "Erwachsenwerdens jenseits der Dreißig" eine Art Antwort gefunden hat, die nicht einfach der Tod ist, wie man dem Titel nach vermuten würde.
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