Patrick Modiano

Damit du dich im Viertel nicht verirrst

Roman
Cover: Damit du dich im Viertel nicht verirrst
Carl Hanser Verlag, München 2015
ISBN 9783446249080
Gebunden, 160 Seiten, 18,90 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Elisabeth Edl. Jean Daragane lebt zurückgezogen in seiner Pariser Wohnung, als ein Fremder ihn wegen seines verlorenen Adressbuchs kontaktiert. Vergessene Namen und lang vergangene Erlebnisse drängen zurück in das Bewusstsein des Schriftstellers. Besonders stark ist die Erinnerung an Annie Astrand. Bei ihr hatte Jean in seiner Kindheit ein Zuhause gefunden, als seine Eltern sich seiner wieder einmal entledigen wollten. Doch dann war Annie mit ihm nach Montmartre gezogen, um eine Flucht nach Italien zu planen, die alles veränderte. Der Nobelpreisträger Patrick Modiano erzählt von einem traumatischen Erlebnis Ende der 50er Jahre, das bis in die Gegenwart des heutigen Paris nachwirkt.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 20.08.2015

Nicht umsonst wurde Patrick Modiano im letzen Jahr mit dem Nobelpreis geehrt, erklärt Rezensent Ulrich Greiner. Zuverlässig liefere der Autor Bücher mit einer eigentümlichen Sogwirkung, die der Erinnerung das ihre abringen und derweil die Grenze des Vergessens abstecken. Auch der von Elisabeth Edl nun hervorragend übersetzte Roman "Damit du dich im Viertel nicht verirrst" steht den zwanzig anderen Büchern Modianos in nichts nach, so Greiner. Eine Zufallsbekanntschaft liefert den alternden Schriftsteller Jean Daragane - hinter dem sich trotz einiger Anspielungen nicht der Autor verbirgt, verrät der Rezensent - seiner Vergangenheit aus: mühsam entdeckt er seine verdrängte Kindheit wieder, in der ehedem ein Mord passiert war, fasst der Rezensent zusammen. Dass ihm dieses Buch so gut gefällt, liegt allerdings weniger an der Handlung als an der Beschreibungskunst Modianos, die Greiner "auf leuchtende Weise asketisch" findet.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 15.08.2015

Sehr zu Herzen geht Tilman Krause das neue Buch von Patrick Modiano. Modianos bevorzugtes Erinnerungsterrain Krieg und Sechzigerjahre sowie der einsame Pariser Wolf als Held treten laut Krause hier zurück zugunsten eines von einem "Mann von außen" angestoßenen Kriminalfalls. Alte Bekannte treten zwar auf, so der Rezensent, auch die alte Zeitmaschine des Autors wird angeschmissen, um in Tagtraumbildern menschliches Strandgut zu sichten. Doch politisch scheint dem Rezensenten das nur am Rand. Es geht um die Verlassenheit eines Menschen in unsicheren Zeiten, erläutert Krause, und dieser Mensch ist der Autor selbst als Kind. Insofern ein mutiges, ein sehr persönliches Buch, findet der Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 01.08.2015

Als eines seiner besten Bücher erscheint Rezensent Ulrich Rüdenauer Patrick Modianos neuer Roman "Damit du dich im Viertel nicht verirrst", der ihn einmal mehr durch ein nostalgisches, vergessenes, nahezu "mythisches" Paris entführt. Der Kritiker begleitet hier den Schriftsteller Jean Daragane, der durch das Zusammentreffen mit einem alten Freund aus der Kindheit gezwungen wird, in seinen Erinnerungen zu suchen, versucht, Vergessenes und Verdrängtes ans Licht zu bringen und zugleich feststellt, wie ungenau, fragwürdig und "traumhaft" ihm die Vergangenheit erscheint. Großartig, wie Modiano in diesem komplexen, "lustvollen" und bannenden Roman das Gefühl von Unbehagen und Verlorenheit auf den Leser überträgt, findet der Rezensent, der auch Elisabeth Edls meisterhafte Übersetzung lobt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.07.2015

Jürg Altwegg liest Patrick Modianos neuen, von Elisabeth Edl, wie er findet, gewohnt gelungen übersetzten Roman eher als Erzählung. Wenige Seiten und er fühlt sich zu Hause, das heißt sogleich verstört durch die Atmosphäre und eine Handlung, die mit Zeiten, Orten und Figuren nicht spart, wie Altwegg erklärt, dafür aber mit klaren Motiven. Altwegg begegnet einem Schriftsteller, der sein Adressbuch verliert und durch den unheimlichen Finder mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird. Wiederum lehrt ihn der Autor, dass die Wahrheit in der Vergangenheit, hier: in den 50er und 60er Jahren, zu suchen, wenngleich nicht unbedingt zu finden ist. Sogar die Gegenwart scheint ihm im Text wie aus der Zeit gefallen. Etwas frustiert ist Altwegg am Ende der Lektüre allerdings doch: Zu viele Fragen, zu wenige Antworten, meint er.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 30.07.2015

Judith von Sternburg sieht dem trostlosen Ende des neuen Romans von Patrick Modiano gelassen entgegen. Schließlich kennt sie den Autor und seine Neigung, der Erinnerung zu misstrauen und ihre Resultate zu relativieren. Wenn der im Text aufgerollte weit zurückliegende Mordfall über die Kinderperspektive des Protagonisten nicht herauskommt, ist Sternburg also nicht überrascht. Viel mehr als um Klärung der Verhältnisse, weiß sie, geht es um Angst und ihre vom Autor kühl gehaltene Schilderung oder um magische Zufälle, an denen der Roman reich ist, wie Sternburg mitteilt. Virtuos scheint ihr das alles umgesetzt, und wie so oft bei Modiano, meint sie, spiegeln sich innere Vorgänge in der Stadt Paris, Gedächtnis, Erinnerung, Unterbewusstsein.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 30.07.2015

"Ein irrer Roman", so lautet Barbara Villiger Heiligs Zwischenfazit zum neuen Werk des Nobelpreisträgers Patrick Modiano. Dieser Irrsinn transportiert sich auch in der Besprechung der Kritikerin, die detailreich das verzweigte Geschehen, die psychischen Untiefen und Kindheitserfahrungen der Figuren nachzeichnet. Im Mittelpunkt steht der alternde Schriftsteller Jean Daragane, dessen Gemütsverfassung Heilig zwischen Melancholie und Depression ansiedelt. Darüber hinaus begegne der Leser dem "üblichen halbseidenen Modiano-Milieu". Haken schlage das Buch, es führe auf falsche Fährten und springe durch die Zeiten, befindet die Rezensentin. All dies macht Modianos jüngsten Roman in ihren Augen zu einem "schwindelerregenden Stück Literatur".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 30.07.2015

Joseph Hanimann erkennt den Meister der Zwischentöne sofort wieder. An seiner einfachen Sprache, dann an der Unschärfe der Erinnerung und von Personen Orten, Dingen und Namen. Erneut schafft Patrick Modiano damit laut Hanimann eine ganz besondere Atmosphäre. Dass es diesmal um einen lang zurückliegenden Mord geht, dessen Zeuge die Hauptfigur als Kind gewesen ist, scheint Hanimann nur Anlass zu sein, um das "Erinnerungskarussell" vor Pariser Kulisse anzuschmeißen und es sich zwischen Nachkrieg und heute drehen zu lassen. Täter und Tathergang bleiben eher im Dunkeln, meint der Rezensent, und statt Aufklärung erhält der Leser nur immer neue Ungewissheit. Für Hanimann ist das in diesem Fall allerdings ein klarer Zugewinn.
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Rezensionsnotiz zu Die Welt, 30.07.2015

Die Übersetzung des jüngsten Romans von Patrick Modiano ins Deutsche und den 70. Geburtstag des Autors nimmt Martina Meister zum Anlass für eine Huldigung des Nobelpreisträgers. Auch dessen neuestes Werk zeichne sich durch die "unverwechselbare Stimmung" aller seiner Bücher aus, befindet die Rezensentin, geht aber recht schnell zu generelleren Betrachtungen über. Der Melancholiker Modiano sei stark geprägt durch den frühen Tod seines Bruders und den Versuch des Umgangs mit diesem schmerzlichen Verlust. Überhaupt töne ein "Moll der Erinnerung" im Schaffen des Schriftstellers, so Meister, ein obsessives Erinnern an eine selbst nie erlebte Zeit. Fast immer seien die Romane und Erzählungen im Paris der Nachkriegsjahrzehnte angesiedelt, konstatiert die Kritikerin und bescheinigt dem Sohn eines Italieners und einer Flämin, das "vielleicht traurigste und doch zauberhafteste Werk der französischen Gegenwartsliteratur" geschaffen zu haben.
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