Aus dem Französischen von Michael Bischoff. Der Wille zum Wissen, die Sorge des Subjekts um sich selbst und die Selbsttechnologien schienen bisher erst im Spätwerk Michel Foucaults zentrale Themen zu sein. Umso überraschender ist daher die Entdeckung, dass bereits die ersten Vorlesungen Foucaults am Collège de France aus den Jahren 1970 und 1971 um diese Fragen kreisen. Die gängige Dreiteilung der Werkphasen Foucaults in eine frühe "Archäologie des Wissens", eine mittlere "Genealogie der Disziplinargesellschaft" und schließlich eine späte Geschichte der "Selbsttechnologien" und der "Gouvernementalität" erweist sich somit als zumindest fragwürdig.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.08.2013
Schmerzlich vermisst Rezensent Martin Stingelin Michel Foucaults Duktus in diesen aus Karteikarten rekonstruierten Vorlesungen, die Foucault 1971 am College de France gehalten und in denen er, wie Stingelin erläutert, sich mit Nietzsche der Antike annähert, Aristoteles und den Sophisten vor dem Background eines Umbruchs zwischen archaischer und neuer Rechtssprechung und weiterer politischer Veränderungen im 7. und 6. vorchristlichen Jahrhundert. Die Warnung an den Leser mildert der vom Rezensenten erwähnte Umstand, dass auch die Vorträge über die Tragödie bei Sophokles und zur Erkenntniskritik Nietzsches im Band enthalten sind - beides gut ausformulierte Arbeiten Foucaults.
Christof Forderer liest die auf Basis der Vorlesungsnotizen aus dem Nachlass herausgegebenen Vorlesungen von Michel Foucault aus den Jahren 1970/71 und stellt fest, dass der Stil spröder ist als gewohnt. Für ihn die Gelegenheit, an Foucaults Denkprozess teilzuhaben, zudem, wie Forderer davon recht angetan schreibt, zu einer Zeit, da der mittlere Foucault gerade den frühen Foucault ablöst. Wenn Foucault den Wahrheitsdiskurs in der griechischen Gesellschaft des 7. Jahrhunderts vor Christus verfolgt, entgeht dem Rezensenten nicht die Sympathie des Autors für diese ältere Auffassung von Wahrheit.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 22.04.2013
Dass unser Bild von Foucault noch immer jede Menge weiße Flecken aufweist, sieht Philipp Sarasin durch diesen Band bestätigt, der Foucaults erste Vorlesungen am Collège de France dokumentiert. Überraschend erscheint Sarasin gerade die durch die Kenntnis der Vorlesungen von 1970-71 zutage tretende Folgerichtigkeit im Werk Foucaults. Dass Foucault sich bereits hier profund analytisch mit der griechischen Philosophie befasst, rückt für Sarasin die spätere Beschäftigung Foucaults mit der Geschichte der antiken Selbsttechniken, seine Hinwendung zur Antike insgesamt, in ein anderes, weniger widersprüchliches Licht.
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