Gegen den Strich. Die Kunst und ihre politischen Formen handelt von wegweisenden künstlerischen Projekten, die in den vergangenen Jahren aktuelle gesellschaftliche Themen aufgegriffen und dabei teils heftige Kontroversen ausgelöst haben - oder zumindest missverstanden worden sind. Ziel der Untersuchung in Form exemplarischer Analysen ist es, die verbleibenden Freiräume und Qualitäten der politischen Kunst der Gegenwart auszuloten, die mehr und mehr von Identitätspolitik, Cancel Culture und Zensur geprägt ist. In elf Kapiteln werden Werke von Lothar Baumgarten, Christoph Büchel, Sam Durant, Gelitin, David Hammons, Thomas Hirschhorn, Taring Padi, Wermke/Leinkauf, Mark Wallinger und dem Zentrum für Politische Schönheit diskutiert. Sie repräsentieren das breite Spektrum einer Kunst, die sich kritisch einmischt und sich nicht mit Selbstbezüglichkeit oder Dekoration zufriedengibt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.09.2023
Rezensent Georg Imdahl wirkt nicht übermäßig begeistert von Michael Diers' Buch über zeitgenössische politische Kunst. Gemeint seien damit bei Diers sowohl "subtil kritische" als auch "dezidiert konfliktuelle" Werke, wie zum Beispiel das Wrack eines tunesischen Flüchtlingsschiffs, das der Schweizer Christoph Büchel auf der Biennale in Venedig 2019 ausstellte, erklärt Imdahl. Dass solche Kunstwerke sich nicht "im Handumdrehen" realisieren lassen, sondern ausführlicher Auseinandersetzungen auch mit prognostizierbarem Gegenwind bedürfen, lege der ehemalige Kunstprofessor anhand vieler Beispiele detailliert dar, erkennt Imdahl an - findet aber, dass sich dieser Sachverhalt eigentlich von selber verstehe. Zudem vermisst er eine Erwähnung von Santiago Sierra, eigentlich für das Thema "prädestiniert", und kann auch Diers' Empörung über die Entfernung des Tuchbilds "People's Justice" des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi auf der Documenta 2022 nicht ganz zustimmen - da hätten sich die Documenta-Verantwortlichen im Vorhinein viel intensiver um "Kommunikation und Diskus" kümmern müssen, meint Imdahl. Der Kritiker scheint sich insgesamt eine etwas tiefergehende Betrachtung gewünscht zu haben.
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