Herausgegeben von Wolfgang J. Mommsen unter Mitarbeit von Michael Meyer. Der vorliegende Band präsentiert sieben nachgelassene Texte Max Webers zum Thema "Gemeinschaften", die für sein großes unvollendet gebliebenes Werk "Wirtschaft und Gesellschaft" bestimmt waren. Damit liegt nun der erste Teilband der historisch-kritischen Edition der sogenannten älteren Fassung von "Wirtschaft und Gesellschaft" vor. An den ersten Text über die Arten des Wirtschaftens schließen sich Max Webers Ausführungen über die verschiedenen Gemeinschaftsformen an. Ausgehend von der Hausgemeinschaft als der "urwüchsigsten" Form beschreibt Max Weber die Entwicklung über Familie und Betrieb bis hin zu den ethnischen und politischen Gemeinschaften, gipfelnd in einer Kritik an der "Idee der Nation". Beigefügt sind außerdem zwei unvollendete Texte über die "Marktgemeinschaft" und "Klassen", "Stände" und "Parteien" sowie ein überlieferter Gliederungsentwurf zum Thema "Kriegerstände". Für die Gemeinschaftsformen verneint Max Weber eine Zwangsläufigkeit der Entwicklung und wendet sich damit gegen die zeitgenössisch sehr einflussreiche Theorie einer teleologischen "Stufenfolge" der Menschheitsgeschichte. Diese wissenschaftsgeschichtlichen Hintergründe werden in der Einleitung herausgearbeitet und zugleich mit der Werkbiographie verknüpft, so daß ein Bogen von Max Webers frühen nationalökonomischen Vorlesungen bis hin zu seinem soziologischen Hauptwerk geschlagen wird. In diesem Zusammenhang haben Wolfgang J. Mommsen und seine Mitarbeiter ein Stichwortmanuskript aufgefunden, das als Vormanuskript zu dem im Band edierten Text "Hausgemeinschaften" gelten kann und somit einen wichtigen philologischen Beleg für die Entstehungsgeschichte von "Wirtschaft und Gesellschaft" liefert. Das Stichwortmanuskript ist im Anhang zum Band ediert.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 21.05.2002
Mit dem Streit um Max Webers "Wirtschaft und Gesellschaft" kennt Rezensent Stefan Breuer sich aus. Das Hickhack um die Ordnung der Texte sieht er jetzt allerdings zur Ruhe kommen, und zwar mit der Edition von Webers nachgelassenen Schriften zu seinem Opus magnum, deren 3. Band jetzt vorliegt. Die These von der Einheitlichkeit der Arbeit lässt sich angesichts der eigenständigen Struktur der hier versammelten Texte aus den Jahren 1910- 1912 nicht mehr aufrechterhalten. Stattdessen erkennt Breuer "drei sehr unterschiedliche Soziologien Webers": Die erste in der Textmasse der fünf Nachlassbände von "Wirtschaft und Gesellschaft", die zweite im "Kategorien"-Aufsatz von 1913, die dritte in der 1919/20 noch von Weber selbst in Druck gebrachten Soziologie. Und das ist gut so. Webers Weltgeltung, schreibt Breuer, ergibt sich nicht etwa allein aus den "Formaldefinitionen der dritten Soziologie", sondern auch "aus dem, was als Nachlass erhalten geblieben ist".
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