Erich Honecker (1912 - 1994) war von frühester Kindheit an fest im kommunistischen Milieu des Saarlands verwurzelt, und doch war er als Teenager auch offen für neue Orientierung. Er fuhr nach Pommern, um Bauer zu werden, kehrte für eine Dachdeckerlehre in die Heimat zurück, studierte an der Parteihochschule in Moskau und ging 1933 in den Widerstand. Erstmals werden diese Stationen detailliert nachgezeichnet, und sie eröffnen überraschende Ausblicke, etwa auf Honeckers enges Verhältnis zu Herbert Wehner oder seine Beteiligung an einem Terroranschlag. 1935 musste der Jungfunktionär untertauchen. Was machte er monatelang in Paris? Wie kam es zu seinem konspirativen Einsatz in Berlin und wie zu seiner Verhaftung? Von Rätseln umrankt war bisher auch, wie es Honecker gelang, wenige Wochen vor Kriegsende zu fliehen und bald darauf unbehelligt ins Gefängnis zurückzukehren. Die bahnbrechende Jugendbiografie des Revolutionärs und Überlebenskünstlers endet im Mai 1945, als Honecker eher zufällig Zugang zu Ulbricht fand und der Kaderabteilung seinen kommunistischen Lebenslauf einreichte, über den fortan die Partei wachte.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.10.2016
Petra Weber rühmt Martin Sabrow für seine Rekonstruktionsarbeit. Die Biografie des jungen Honecker scheint ihr der Autor kritisch zu überprüfen und den Heiligenschein über Honeckers Lebensgeschichte zu entfernen, indem er die Jugendzeit in Auseinandersetzung mit Honeckers Memoiren erzählt. Dass es Sabrow nicht um Desavouierung geht, sondern um ein genaues Studium neuer Quellen und abgewogene Urteile, entgeht Weber nicht. Wenn der Autor Honecker schließlich vor dem Verdacht allzu radikaler lügnerischer Selbstinszenierung in Schutz nimmt und ihm stattdessen "Dekontextualisierung" im Sinn einer bruchlosen Vita attestiert, kann Weber das nachvollziehen. Ein spannendes Buch, findet sie, wenngleich auch mitunter zu detailverliebt.
Bei Martin Sabrow lernt man, wie geschichtswissenschaftliche Biografik aussehen muss, schwärmt Marc Reichwein, der hier nicht nur neue Standards in Sachen Honecker-Biografie vorfindet. Denn dem Historiker für Zeitgeschichte gelingt es nicht nur, in akribischer Recherche den Menschen Erich Honecker hinter dem Staatsmann sichtbar zu machen, Sabrow beschäftigt sich darüber hinaus auch strukturell mit Funktionärsbiografien und untersucht die Bewältigung der Systembrüche des 20. Jahrhunderts in der lebensgeschichtlichen Erinnerungsliteratur, informiert der Kritiker. Bewundernd bemerkt er, wie der Autor durch die Sichtung von Archiven, Quellen, Gefangenen- und Zeitzeugenberichten selbst Honeckers Ticks recherchiert und die Bedeutung von dessen wenig bekannten Jugendjahren für den Werdegang nach 1945 herausarbeitet. Und wenn Sabrow von Honeckers Undercover-Tätigkeit als kommunistischer Agent im Ruhrgebiet erzählt, attestiert der Kritiker dem Buch gar verfilmungswürdige Thriller-Momente.
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