Gotha war in den Jahrzehnten um 1800 eine Residenzstadt mit großer Ausstrahlung, ein Zentrum der Spätaufklärung. Unter einem Fürsten, der die Wissenschaften förderte, erblühten Astronomie und Geologie, aber auch Philologie und Geschichte. Vor dem Hintergrund zahlreicher Sammlungen, einer gewaltigen Bibliothek, eines gut funktionierenden Staatswesens und vorteilhafter Postverbindungen wirkten von hier aus Literaten und Gelehrte von Rang aufs ganze Reich: Rudolph Zacharias Becker vertrieb den größten Bestseller der Goethezeit, sein volksaufklärerisches Noth- und Hülfsbüchlein für Bauersleute, sowie seinen national gelesenen Reichs-Anzeiger. Georg Anton Benda komponierte tonangebende Melodramen, Friedrich Wilhelm Gotter schrieb vielgespielte Theaterstücke, Heinrich August Ottokar Reichard verbreitete seine Almanache, der Verleger Carl Wilhelm Ettinger druckte die erste Voltaire-Gesamtausgabe und angesehene gelehrte Zeitungen, Conrad Ekhof schrieb mit seiner stehenden Bühne Theatergeschichte und der verbotene Illuminatenorden fand hier das Zentrum seiner Spätphase. In der Aufmerksamkeit der Forschung stand Gotha bisher im Schatten Weimars. Dieser Band beleuchtet erstmals die Bedeutung der Stadt und fächert die Vielfalt ihrer intellektuellen Landschaft auf.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 10.03.2026
Gotha ist im Kommen -oder jedenfalls, meint Rezensent Thomas Steinfeld nach der Lektüre dieses von Martin Mulsow und Dirk Sangmeister herausgegebenen Sammelbandes, die Erinnerung daran, dass Gotha einmal, ähnlich wie Weimar, ein Zentrum der Aufklärung war. Die Texte dieses Buches drehen sich unter anderem darum, wie Gotha im 18. Jahrhundert zum Zentrum des Freimaurertums wurde, eine wichtige Rolle spielte Herzog Ernst II. von Sachsen-Gotha-Altenburg, der die Naturforschung unterstützte und sich mit Gelehrten umgab. Eine Universität wiederum war zumindest in der Nähe und die liberale Tradition, die um 1800 in Gotha blühte, lebte noch bis ins 20. Jahrhundert fort. Seither ist sie in Vergessenheit geraten, aber Steinfeld glaubt, so schließt seine interessierte Besprechung, dass die Erinnerung jetzt langsam zurückkehrt.
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