Nach seinem Aufenthalt in Italien schrieb Goethe erotische Dichtungen, die auch seine Freunde schockierten. Schiller übte "freundschaftliche" Zensur, und der Herzog Carl August von Weimar wies sogar sein Geheimes Consilium an, über ein Protestgedicht Goethes zur Kritik an seiner erotischen Dichtung zu verhandeln. Fortan hielten Freunde und Herausgeber den Dichter zum Selbstschutz an; er durfte nicht den Eindruck erwecken, er sei einer jener verruchten, sexuell und religiös freizügigen Libertins jener Zeit. Jetzt zensierte Goethe sich selbst und schrieb Erotica nur für den vertrauten Freundeskreis. Er hob sie aber zur posthumen Veröffentlichung auf, da er von künftigen Generationen mehr Liberalität erwartete. Genau vor hundert Jahren, 1915, wurden die obszönsten Werke Goethes endlich vollständig gedruckt. Davor schlugen sich 120 Jahre lang all jene, die Zugriff auf die Manuskripte hatten (nach Schiller: Eckermann, Riemer, Kanzler Müller, Goethes Enkel, Großherzogin Sophie und die an Sophies großer "Weimarer Ausgabe" Beteiligten), mit dem "Problem" dieser obszönen Texte herum. Und irgendjemand kratzte, schnitt und radierte die anstößigsten Stellen aus den Handschriften. Aber wer? Dieses Buch ist ein philologischer Krimi, der nach den Tätern fahndet und den verschlungenen Wegen der obszönen Manuskripte durch Weimar folgt. Eckermann deponierte sie in der Bibliothek, Müller versteckte sie auf dem Dachboden, das Großherzogliche Hausarchiv verbarg sie in einer verschlossenen Kiste mit irreführender Aufschrift. W. Daniel Wilson erzählt erstmals auf breiter Quellengrundlage die Geschichte dieser wohlwollenden Zensur Goethes. Die besprochenen Texte werden mit abgedruckt.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 28.08.2015
Vordergründig liest Rezensent Gustav Seibt in dem nun von dem amerikanischen Germanisten W. Daniel Wilson veröffentlichten Buch "Goethes Erotica und die Weimarer Zensoren" einen spannenden philologischen Krimi. Denn der Autor untersuche hier anhand von bisher ungedrucktem Archivmaterial, wie es dazu kam, dass wichtige Hauptwerke Goethes wie die "Venezianischen Epigramme" oder die "Römischen Elegien" erst 120 Jahre nach ihrer Entstehung erschienen, sondern auch nur in durch Schere, Messer und Radiergummi verunstalteten Handschriften überliefert sind, berichtet der Kritiker. In dem gründlich recherchierten Text erfährt Seibt, dass nicht, wie bisher angenommen, die Großherzogin Sophie dafür verantwortlich gemacht werden könne, sondern vermutlich Goethes Enkel Walther und einer der späteren Weimarer Archiv-Direktoren. Insbesondere lobt der Rezensent Wilsons instruktiven Bericht über den Umgang in der deutschen Klassik mit erotischer Freizügigkeit. Diesem lesenswerten Buch verzeiht der Kritiker auch gern einige allzu "pedantische" und interpretationswütige Passagen.
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