Erinnert sich noch jemand an das "gemeinsame europäische Haus"? An Gorbatschows Traum von einem Europa, das von Lissabon bis nach Wladiwostok reicht? Der Graben, der heute, dreißig Jahre nach dem Ende des Ost-West-Konflikts, Russland von seinen westlichen Nachbarn trennt, ist tiefer als je zuvor. In der Ukraine herrscht Krieg, in Belarus Staatsterror. Innerhalb der EU werden Bruchlinien entlang der alten Grenze sichtbar. Verfassungsänderungen bedrohen in Polen und Ungarn die erst jüngst erkämpfte Rechtsstaatlichkeit und Demokratie. Vieles spricht dafür, dass wir an einer Epochenschwelle stehen. Wie konnte es dazu kommen? Gut dreißig Jahre nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Systeme in Osteuropa werfen die Autoren einen kritischen Blick zurück - in einer gemeinsamen Anstrengung, von Erfahrung und Anschauung gesättigt und entsprechend erkenntnisreich.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 17.10.2022
Rezensent Nicolas Freund entnimmt diesem Band durchaus einige bedenkswerte Perspektiven und Überlegungen. Dass die Länder Osteuropas viel zu lange nur als Anhängsel Russland betrachtet wurden, kann ihm zufolge gar nicht oft genug betont werden. Trotzdem hat Freund seine Schwierigkeiten mit diesem Band, der aus historischer, juristischer, politischer und literarischer Sicht die dreißig Jahre zwischen Mauerfall und Ukraine in einem Dutzend Länder in den Blick nehmen will. Das kann nur kursorisch geschehen und muss oberflächlich bleiben, mahnt Freund, der sich aber immer wieder darüber freuen konnte, wenn einzelne Beiträge ihren Kurs fanden.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.10.2022
Der Zeitraum um den es hier geht, war eine Zeit der Hoffnung - auf Vertrauen, Frieden und Gleichberechtigung der europäischen Staaten. Die Jugoslawienkriege, die politischen Verwerfungen und die Korruption in einigen Ländern Osteuropas, von Russland ganz zu schweigen, konnten diese Hoffnung lange nicht trüben, erst der russische Einmarsch in die Ukraine machte ihr ein - zumindest vorläufiges - Ende. So beschreiben es jedenfalls die vier Autoren dieses Bandes, die Rezensent Reinhard Veser alle als brillant beschreibt. Dennoch ist er leise enttäuscht von diesem Buch. Denn wesentliche Teile beschreiben weniger die Schwierigkeiten der Transformation in Osteuropa als die "Irrwege" der akademischen Fächer der Autoren, kritisiert Veser. Eine Ausnahme ist für ihn das Kapitel Angelika Nußbergers über die Entwicklung des Rechts in Osteuropa. Dennoch finden sich auch in den übrigen "kluge Beobachtungen", so der Kritiker, der dem Buch allein deshalb "viele Leser" wünscht, weil es die Brüche immer auch aus der Sicht des Ostens beschreibt.
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