Marisa Madieri

Wassergrün

Eine Kindheit in Istrien
Cover: Wassergrün
Paul Zsolnay Verlag, Wien 2004
ISBN 9783552053168
Gebunden, 160 Seiten, 16,90 EUR

Klappentext

Aus dem Italienischen von Ragni Maria Geschwend. Mit einem Nachwort von Claudio Magris. 1947 verändert ein historisches Ereignis die bis dahin kosmopolitische Stadt Fiume, in der Italiener, Ungarn, Kroaten und Slowenen friedlich zusammenleben, und somit auch das Leben von Marisa Madieris Familie grundlegend: Die Italiener werden aufgefordert, die jugoslawische Staatsbürgerschaft anzunehmen oder nach Italien zu emigrieren. Hunderttausende entscheiden sich für die Emigration.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 14.02.2005

Volker Breidecker ist hingerissen von den Erinnerungen Marisa Madieris und er preist das Buch als "berückend persönlich". Die Autorin hat ihre Kindheit in Istrien, im Zwischenland von Kroatien und Italien, mit "seltener Eindringlichkeit" erzählt und damit 1986, als das Buch in Italien erstmals publiziert wurde, auch an ein "Tabu" und an ein Stück fast vergessener Nachkriegsgeschichte gerührt. Der Rezensent gesteht, dass er das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen konnte und das sich ihm die Schilderungen über das Leben im "Silos", dem trostlosen und beengten Flüchtlingslager von Triest, in das sie zehnjährig kam, tief ins Gedächtnis eingegraben haben. Nicht nur die "berückende Schönheit" der Sprache dieser Erinnerungen hat den Rezensenten verzaubert, es beeindruckt ihn auch, das Madieri ohne "Pathos" und "Bitterkeit" schreibt. Die "Melancholie", die dennoch diesen Text durchzieht, hat ihren Grund in der Krebserkrankung der Autorin, die 1996 starb, glaubt Breidecker. Er preist am Ende seiner begeisterten Kritik auch das "bezaubernde Deutsch" der Übersetzung durch Ragni Maria Gschwend und findet, dass das Buch nichts weniger als ein "Juwel" darstellt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 26.01.2005

Marica Bodrozic ist so bezaubert, wie man von einem Buch nur sein kein, oder nur von einem Buch: Wenn man es gelesen hat, schreibt sie, "sehnt man sich - und das vermag allein die Literatur zu bewirken - nach einem Dasein außerhalb der Geschichte, außerhalb der Zeit". Und genau das sei auch eines der großen Themen der Erinnerungen von Marisa Madieri: die Sehnsucht und die Vergänglichkeit, die "Kontinuität und epische Tonalität", in der sie ihr Leben erlebte und beschrieb. "Selten hat jemand so tiefgründig geschaut und dabei eine wie ursprüngliche Leichtigkeit, eine allwaltende, behutsame Liebe an den Tag gelegt", schreibt Bodrozic und fügt hinzu, dass zum Schauen und Erleben natürlich das Formulieren kommen muss, und dieses Buch sei ein "sprachliches Präzisionswerk, in dem Schreiben und Leben sich finden". Und dabei auch hoch politisch, ohne Lektionen zu erteilen: Madieri erinnert sich an die Vertreibung ihrer Familie - Teil der italienischen Bevölkerung Istriens - aus der multikulturellen Heimat, die unter Tito eine monokulturelle werden sollte.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 07.10.2004

Eine faszinierende Beschreibung liefert Rezensentin Ilma Rakusa von diesem Erinnerungsbuch. Marisa Madieri wurde in Fiume, Istrien geboren, das nach dem Zusammenbruch der österreichisch-ungarischen Monarchie italienisch geworden war, erzählt Rakusa. Madieris Großvater hieß Madjaric - auf Deutsch: Ungar. Die Autorin lebte erst bei ihrer Großmutter, dann, nach Kriegsende, als sich die Fiumeser entscheiden mussten, ob sie Italiener oder Jugoslawen sein wollten, zu Onkel und Tante nach Venedig, wo sie sich sehr einsam fühlt, und schließlich zu ihren Eltern in das Sammellager Silos. Hier, so Rakusa, entdeckt sie die "Parallelwelt der Bücher", vor allem Tolstois "Krieg und Frieden". Erst Ende der fünfziger Jahre beginnt wieder ein normales Leben für Madieri mit dem Umzug der Familie in eine eigene Wohnung. Rakusa zitiert Claudio Magris, den späteren Ehemann Madieris, der einst über den "Unort der Frau in der Geschichte" nachgedacht hat. Madieri, meint die Rezensentin, hat sich in ihrem "mäandernden, fragmentarischen, ganz und gar unprätentiösen, bestechend genauen Erinnerungstext verortet". Sogar mit den Pausen zwischen den Zeilen, die immer länger würden, je schwerer die Erinnerungen seien. Auf Rakusa wirkt dieses "gewichtige kleine Buch zauberhaft leicht ... mit meerischen Ausblicken, die mehr als ein Glücksversprechen enthalten".

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