Lidia Jorge
Erbarmen
Roman

Secession Verlag, Zürich 2025
ISBN 9783966391191
Gebunden, 500 Seiten, 30,00 EUR
ISBN 9783966391191
Gebunden, 500 Seiten, 30,00 EUR
Klappentext
Aus dem Portugiesischen von Steven Uhly. Dona Alberti sitzt im Rollstuhl, kann ihre Hände kaum noch benutzen und erzählt einem Aufnahmegerät aus ihrem Leben im Hotel Paraíso, einem Altenheim, wo sie aus freien Stücken lebt, seit ein banaler Unfall sie ihrer Selbständigkeit beraubt hat. Das sind die Koordinaten von Lídia Jorges jüngstem und vielleicht persönlichstem Roman. Die alte Dame erzählt von ihrem Alltag, den Auseinandersetzungen und Freundschaften mit jungen Pflegerinnen und anderen Mitbewohnern, ihrer heimlichen Liebe zu einem Mann, der kurz darauf stirbt, ihre nächtlichen Kämpfe mit einem Alter Ego, das ihr schwindendes Wissen herausfordert. Immer wieder kreisen ihre Gefühle um die schwierige Liebe zur Tochter, einer Schriftstellerin, der sie vorwirft, nur deshalb nicht reich und berühmt zu sein, weil sie vom Elend Namenloser erzählt, anstatt endlich Taten berühmter Menschen zu beschreiben. Der Generations- konflikt mit autobiographischen Zügen wird zum Verhandlungsort einer sozial fundierten Poetik. Erbarmen wirft ein kritisches Licht auf unsere Gegenwart, vermeidet aber frontale Angriffe und stellt uns stattdessen geschickt vor grundsätzliche Fragen: Was ist Wissen in einer Zeit der totalen Verfügbarkeit von Information? Was zählt wirklich im Leben angesichts der Tat- sache, dass wir alle dem Tod entgegengehen? Welche Funktion hat das geschriebene Wort in diesem Zusammenhang?
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.11.2025
Lebenswille - für Lídia Jorges Erzählerin Dona Alberti ist das das "Verlangen, an anderen Existenzen teilzuhaben". Jorge gibt uns mit "Erbarmen" die Chance eine solche Teilhabe literarisch nachzuvollziehen. Und das haut hin, findet Rezensent Jobst Welge, trotz einiger, dem erzählerischen Konzept geschuldeten Längen und manchen surrealistischen Momenten, die die ansonsten sehr realistische Erzählung weder bereichern, noch stören. "Erbarmen" ist nämlich die fiktive Transkription eines mündlichen Berichts, einer Art Sprachtagebuch, in dem Dona Alberti von ihrem Alltag im Mikrokosmos des Seniorenheims erzählt - dem Speiseplan, den Verhältnissen der Bewohnerinnen und Bewohner, den Pflegerinnen und ihren Geschichten, und von solch erschütternden Ereignissen wie einer Ameiseninvasion. Dabei nimmt Jorge nebenbei auch die prekären Lebens- und Arbeitsverhältnisse des Pflegepersonals in den Blick, lesen wir. Dass die Autorin mit diesem Roman einen Wunsch ihrer eigenen verstorbenen Mutter erfüllt und zugleich ironisch hintertreibt, verrät sie in Interviews, erklärt Welge. Einen Roman mit dem Titel "Misericórdia" - "Erbarmen" habe die sich gewünscht und dass Lídia doch mal über eine "bedeutende Persönlichkeit" schreiben solle... Das Ergebnis ist lesenswert, so der Rezensent.
Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 16.06.2025
Dieses Buch könnte, glaubt Rezensent Rainer Moritz, Lidia Jorge auch in Deutschland endlich den Durchbruch bescheren. Die arrivierte portugiesische Autorin schreibt ihren neuen Roman gewissermaßen im Auftrag ihrer Mutter, die vor ihrem Tod auf ihr Leben zurück blickt. Erinnerungen an ein langes Leben enthält dieses Buch, denn Dona Alberti war schon zu Zeiten von Hitler und Churchill geboren. Jetzt lebt sie allerdings im Altersheim Hotel Paraíso und hat viel Zeit, sich mit Erinnerungen und ihrem langsamen körperlichen Verfall zu befassen. Streitereien mit der Tochter, die sie nur ab und zu besucht, sind auch an der Tagesordnung, was auch damit zu tun hat, dass Dona Alberti die Bücher ihrer Tochter nicht gefallen. Aber, langweilig ist es im Altersheim nicht unbedingt, so der Kritiker: Jorges Roman geht in durchaus humoristischer Manier auf den Alltag und auch das Liebesleben der Bewohner ein, das aktiver ist als man denken könnte. Kämpfe beim Mittagessen, nächtliche Schlaflosigkeit, und die Querelen zwischen dem "notorisch überforderten" Personal füllen diesen Alltag aus - bis Covid zuschlägt und sich das Heim in eine Stätte der Angst verwandelt. Alles in allem ergibt das ein eindringliches, eigenwilliges Buch, dem ein nachhaltiger Erfolg zu wünschen ist, schließt der überzeugte Moritz.
Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 28.03.2025
Wenngleich Lidia Jorge "Erbarmen" im Auftrag ihrer Mutter geschrieben hat, ist es, wie sie selbst betont, "kein Buch über ihre Mutter", sondern ein Buch über Frauen, die wie ihre Mutter an Orten wie dem Seniorenheim Hotel Paraíso leben - eigenständige, intelligente Menschen, die am Ende ihres Lebens nicht mehr ohne Unterstützung zurechtkommen. Ein fantastisches Buch ist das, findet Rezensentin Manuela Reichart. Einfühlsam, ehrlich, präzise und oft wunderbar poetisch berichtet eine hochbetagte Erzählerin von ihrem Alltag im Pflegeheim, von den Bemühungen und Nöten des Personals, von den "erotischen Verwicklungen", den rassistischen Ausfälligkeiten, den Momenten der Heiterkeit ihrer Mitbewohnerinnen und Mitbewohner, lesen wir, vor allem aber erzählt sie von ihren eigenen Freuden, Ängsten, Sorgen, Erinnerungen und deren Lücken. Ein außergewöhnlicher und eindringlicher Roman über die letzte Lebensphase, so die berührte Rezensentin.
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