Leor Zmigrod

Das ideologische Gehirn

Wie politische Überzeugungen wirklich entstehen
Cover: Das ideologische Gehirn
Suhrkamp Verlag, Berlin 2025
ISBN 9783518474853
Gebunden, 302 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Matthias Strobel. Leor Zmigrod gilt als Begründerin eines neuen Wissenschaftsfelds: der politischen Neurobiologie. Darin erforscht sie den Zusammenhang zwischen politischen Einstellungen und der Biologie unseres Gehirns. Sie zeigt, dass unsere Überzeugungen nicht als flüchtige Gedanken losgelöst von unseren Körpern existieren. Vielmehr verändern Ideologien unser Gehirn. Und zur gleichen Zeit macht eine bestimmte neurobiologische Veranlagung empfänglich für gewisse Glaubenssätze. Weshalb sie mit einem einfachen Kartensortier-Experiment beispielsweise in der Lage ist, erschreckend akkurat auf die Weltsicht ihrer Probanden zu schließen. In zahlreichen weiteren Experimenten beweist sie den Konnex zwischen extremen politischen Positionen und unserem Gehirn und revolutioniert damit unsere Vorstellungen von Radikalisierung, Extremismus, demokratischer Meinungsbildung. Das ideologische Gehirn leistet unverzichtbare Aufklärung in Zeiten maximaler Polarisierung. Die Wissenschaftlerin und Pionierin der politischen Neurobiologie Leor Zmigrod etabliert ein neues Verständnis davon, wie unsere Überzeugungen entstehen und was wirklich helfen kann, im Kampf gegen das, was unsere Demokratie grundlegend gefährdet.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.07.2025

Rezensentin Marianna Lieder kritisiert Leor Zmigrods politische Neurobiologie nach Strich und Faden. Dass sich mit neurologischen Verfahren Anfälligkeit für Ideologien und Fundamentalismen nachweisen lassen, mag ja sein, wie die Cambridge-Wissenschaftlerin zu ihrer Erkenntnis gelangt, scheint Lieder jedoch mehr als zweifelhaft. Zu reduktionistisch geht sie vor, zu ungenau präsentiert sie die Studienlage und zu generalisierend schlussfolgert sie, findet Lieder. Was ist etwa mit dem Einfluss von Vorurteilen auf Forschungsdaten? Und warum setzt die Autorin Religion mit Ideologie gleich? Lieder zeigt sich einigermaßen empört. Dass Zmigrod im Text immer mal wieder ihre Haltung zum biologischen Determinismus ändert, verwirrt und verärgert Lieder zusätzlich. Tragfähige Lösungsansätze vermisst sie im Buch außerdem.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 10.07.2025

Allzu viel anfangen kann Zelda Biller nicht mit Zeor Zmigrods Buch über politische Neurowissenschaft. Dessen Grundthese fasst Biller folgendermaßen zusammen: Es lässt sich im Gehirn ablesen, ob Menschen für extremistische Einstellungen empfänglich sind oder nicht. Getestet wurde das alles empirisch: Kreativität etwa wurde ermittelt, indem Leute gefragt wurden, was man mit einem Ziegelstein alles machen kann, außerdem wurden Gehirnscans eingesetzt, die zum Beispiel ein vergrößertes Angstzentrum bei Rechten offenbart, wobei auch die Hufeisentheorie durch ähnliche Studien belegt werden soll. Dennoch will Zmigrod nicht als Deterministin verstanden werden, denn "Raum für freien Willen" erkennt sie durchaus an. Nach der Lektüre fragt sich die Kritikerin allerdings: Wer oder was ist denn nun verantwortlich für unser politisches Handeln? Hirn, Staat, Familie oder Freunde? Wichtiger ist doch ohnehin die Frage, wie sich Ideologien bekämpfen lassen, schließt die Rezensentin, die dann doch lieber auf klassisch moralische, historische und inhaltliche Erklärungsversuche zurückgreift.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 25.06.2025

Ein neues, kluges und zugängliches Instrumentarium zur Analyse ideologischer Strukturen, das bietet die in New Jersey geborene Autorin Leor Zmigrod in ihrem Buch und gilt damit als Begründerin eines Wissenschaftsfelds, wie uns Rezensent Christoph Drösser erklärt: Der politischen Neurobiologie. Leor Zmigrod untersucht Ideologien aus psychologischer Perspektive. Die Amerikanerin interessiere sich weniger für die ideologischen Inhalte als für die Denkmechanismen dahinter. Sie zeigt dem Kritiker, dass unterschiedliche Ideologien, ob religiös, nationalistisch oder rassistisch, oft denselben kognitiven Mustern folgen. Ideologisches Denken, so Zmigrod, funktioniert nach universellen Prinzipien der geistigen Vereinnahmung. In ihrer interdisziplinären Analyse verbindet sie Erkenntnisse aus Psychologie, Neurowissenschaft, Philosophie und Humanismus, um herauszuarbeiten, wie ein freies, tolerantes und geistig offenes Gehirn beschaffen sein könnte. Dabei lehnt sie biologischen Determinismus ab und betont, dass Umwelt und soziale Einflüsse - etwa das Aufbrechen aus dogmatischen Milieus - entscheidend zur kognitiven Flexibilität beitragen können. Sie tut das "auf scharfsinnige und oft unterhaltsame Weise" und kann Drösser damit überzeugen.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 10.06.2025

Neue Perspektiven auf politische Ideologien eröffnet dieses Buch laut Rezensent Volkart Wildermuth, der freilich nach der Lektüre nicht in jeder Hinsicht überzeugt ist. Die Hirnforscherin Leor Zimgrod untersucht darin, wie kognitive Faktoren mit ideologischen Überzeugungen zusammenhängen und argumentiert, dass rigideres Denken empfänglich macht für politische Engstirnigkeit, was an Beispielen wie Islamismus, Brexit und Kommunismus gezeigt wird. Sie spricht dabei verschiedene Tests an und geht auch auf das Thema Genetik ein, beschreibt Wildermuth, der allerdings nicht der Ansicht ist, dass das Buch hinreichend Datenmaterial enthält, um die vertretenen Thesen zu plausibilisieren. Außerdem ist die Argumentation teils ungenau, moniert er, beispielsweise ist er sich nicht sicher, ob man wirklich Selbstmordattentäter mit Brexit-Fans vergleichen kann. So wichtig die dargestellten Erkenntnisse auch sind, sie sollten dennoch ergänzt werden um eine umfassende, inhaltliche Diskussion über extremistische Ideologien.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 07.06.2025

Rezensent Jakob Hayner liest mit Leor Zmirgrods "Das ideologische Gehirn" einen durchaus aufschlussreichen Essay mit einer gefährlich spektakulären These: Dass sich ein Hang zu extremistischer Ideologie in den neurologischen Strukturen menschlicher Gehirne widerspiegelt, anders gesagt: Dass kognitive Unbeweglichkeit mit ideologischer Unbeweglichkeit zusammenhängt. Und nochmal anders gesagt: Dass sich Ideologie an Biologie ablesen lässt, so lautet diese These. Korrelation ist natürlich nicht gleich Kausalität! Aber das kann man allzu leicht mal vergessen. So prognostiziert Hayner dieser Theorie und ihrer Autorin eine glorreiche Zukunft, gerade weil die Verbindung ihrer neurogiologischen Thesen zur Soziologie nur eine Hintertür ist: Dass "kognitive Flexibilität" - Voraussetzung für ideologische Flexibilität, also Ideologieresistenz - unter bestimmten sozialen Faktoren wie Ausgrenzung leidet, erklärt Zmigrod, aber viel genaueres zu den Auswirkungen erfahren wir nicht, weil der Autorin in diesem Bereich die Begrifflichkeiten fehlen, vermutet Hayner. Umso leichter, umso verführerischer der Kurzschluss: Die Ursache von Ideologie liege in der Biologie. Angesichts dieser Gefahr erinnert uns der Rezensent an folgende Devise: Selbst wenn wir "politisch nur unseren Gehirnwindungen folgen", müssen wir immer handeln, als wäre dem nicht so.

Buch in der Debatte

9punkt 21.06.2025
Leor Zmigrod, 29, forscht als Neurowissenschaftlerin an der Universität Cambridge. Sie gilt als Begründerin der "politischen Neurobiologie". Jens Uthoff interviewt sie für die taz. Mittels  Hirnscans will sie herausfinden, warum "von jenen Menschen, die unter ähnlichen Bedingungen leben, manche bereit sind, für eine Ideologie alles zu opfern - und andere nicht. Wir können das besser verstehen, wenn wir uns die Mechanismen des Gehirns anschauen, die bei ideologischem Denken wirken." Bei ideologisierten Menschen, egal ob links, rechts oder islamistisch stellt sie extrem rigide Denkmuster fest. Auf die bange Frage, ob sie an die "Hufeisentheorie" glaubt, antwortet sie: "In den Daten sehen wir, dass extreme Linke und extreme Rechte in puncto kognitive Rigidität Ähnlichkeiten aufweisen. Es gibt viele weitere Faktoren, die dazu führen können, dass jemand extrem links oder extrem rechts denkt." Anders als Hannah Arendt glaubt sie nicht, dass Gedankenlosigikeit zu Ideologisierung führen kann: "Ideologien verdrängen alte Denkweisen und ersetzen sie durch neue. Sie verändern unsere Kognition, unsere Reflexe, unsere biologische Natur. Vielleicht sogar bis zu einem Grad, den Arendt nicht geahnt hat... Es gibt tiefgreifende und komplexe Veränderungen, die im Gehirn und Körper ideologischer Gläubiger stattfinden." Unser Resümee

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