Michael Tomasello

Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens

Zur Evolution der Kognition
Cover: Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002
ISBN 9783518583579
Gebunden, 300 Seiten, 26,90 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Jürgen Schröder. Vor sechs Millionen Jahren trennte sich der Mensch von anderen Primaten, vor 250.000 Jahren entwickelte sich der moderne homo sapiens. Evolutionär gesehen, ist diese Zeitspanne sehr kurz. Immerhin teilen Affen und Menschen noch heute 99 Prozent ihres genetischen Materials. Trotzdem ist es nur der Menschheit gelungen, kognitive Fähigkeiten auszubilden, die so komplexe Gebilde wie sprachliche Kommunikation und symbolische Repräsentation, soziale Organisation und Institutionen, Hochleistungsindustrie und Technologien hervorgebracht haben. Wie ist das möglich? Gestützt auf zahlreiche Experimente mit Primaten und Kleinkindern, entwickelt der Anthropologe und Kognitionsforscher Michael Tomasello ein Modell des menschlichen Denkens, das dieses Phänomen erklären kann, indem er kulturelle Vermittlung als biologischen Mechanismus begreift.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 09.10.2002

In jüngster Zeit gibt es immer mehr Untersuchungen, die in Sachen Intelligenz, Werkzeuggebrauch oder Sprachfähigkeit keinen großen Unterschied zwischen Mensch und Tier mehr machen wollen, weiß Ulrich Kühne und präsentiert mit Michael Tomasello, Direktor am Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig, einen Autor, der sich diesen Thesen widersetzt. Für Tomasello ist der Mensch einzigartig in seiner Fähigkeit zum "Imitationslernen", berichtet Kühne; nicht allein die Gene, sondern die Möglichkeit, auf die Herausforderungen seiner Umwelt zu reagieren und das von seinen Mitmenschen erworbene Wissen weiterzuentwickeln, habe wie ein "Wagenhebereffekt" die kulturelle Entwicklung angekurbelt; Tiere dagegen seien bloß zum "Emulationslernen" in der Lage. Kühne sieht in Tomasellos Behauptungen nur einen argumentativen Grundstock gelegt; er weist darauf hin, dass die meisten Kollegen Tomasellos der Meinung sind, dass auch Tiere die Absichten und Perspektiven ihrer Artgenossen verstehen können. Im übrigen, so Kühne, ist es jenseits der Verhaltensbiologie immer noch ein ungelöstes Rätsel, auf welcher Grundlage dieser Prozess im Gehirn stattfindet.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 02.10.2002

Wie kam der Geist in die Welt? Dieser Frage geht Michael Tomasello in seinem Buch nach - und beantwortet sie nach Ansicht von Rezensent Achim Bahnen überzeugend. Klar ist, dass der Mensch kognitive Fähigkeiten hat, die ihn vom Tier unterscheiden, hält Bahnen fest. Verwunderlich nur, dass er diese Fähigkeiten viel schneller erworben hat, als es die Evolution eigentlich erlaubt. "Was die Natur in dieser Zeit nicht schaffen konnte, schuf die Kultur", bringt Bahnen die zentrale These des Kulturanthropologen auf den Punkt. Die Entstehung der Kultur wiederum basiere auf der biologisch bedingten, spezifisch menschlichen Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, sich mit ihnen zu identifizieren, sie zu verstehen. Mit dieser Fähigkeit beschleunigte sich auch die Entwicklung der kulturelle Fortschritte, erklärt Bahnen. Er hebt hervor, dass Tomasello dies anhand der Ontogense heutiger Kinder aufzeigt, wobei er jede Menge Details zur Entwicklung kognitiver Fähigkeiten einschließlich des Spracherwerbs zusammenträgt. Für Bahnen ist Tomasellos Buch ein "groß angelegter" und "großartig gelungener" Versuch einer Erklärung des "evolutionär einzigartigen Ereignisses menschlicher Kulturschöpfung".

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 14.09.2002

In dem jetzt in deutscher Übersetzung vorliegenden Buch nimmt Michael Tomasello den kleinen, aber entscheidenden Unterschied, der den Mensch zum Menschen macht und von anderen Primaten abhebt, in den Blick, berichtet Rezensent Uwe Justus Wenzel. Wie Wenzel ausführt, setzt der amerikanische Entwicklungspsychologe Michael Tomasello bei der Tatsache an, dass Menschen sich und ihre Artgenossen als intentionale, geistbegabte Wesen verstehen, dass sie sich überhaupt verstehen. Im Unterschied zum Menschen fassen Menschenaffen, obgleich selbst intentionale Wesen, ihresgleichen nicht als solche auf, referiert Wenzel. Der Vorsprung des Menschen an flexiblen kognitiven Fähigkeiten basiert laut Tomasello auf kultureller Vererbung, der sozialen und kulturellen Weitergabe von Wissen, ohne die die Entwicklung seiner artspezifischen Fähigkeiten nicht denkbar gewesen wäre, erläutert Wenzel. Tomasello folgert, so Wenzel, dass die menschlichen Fähigkeiten zum größeren Teil keine direkte Folge biologischer Vererbung sind. Biologisch vererbt ist für Tomasello lediglich die biologische Grundausstattung. Anknüpfend an Tomasellos Thesen, wirft Wenzel die Frage auf, ob Natur dann als "Basis", über die sich Kultur als "Überbau" wölbt, zu verstehen sei. Wenn aber in dem Sekundären, Abgeleiteten selbst die "artspezifischen" Fertigkeiten zu finden sind, fragt Wenzel weiter, "haben wir es dann noch mit einer 'natürlichen', einer biologisch definierten Art zu tun?" Diese Fragen beantwortet Tomasello zum Bedauern des Rezensenten allerdings nicht.

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