Lea Polgar

Die zwei Welten der Rahel Bratmann

Roman
Cover: Die zwei Welten der Rahel Bratmann
C. H. Beck Verlag, München 2006
ISBN 9783406550690
Gebunden, 290 Seiten, 18,90 EUR

Klappentext

Aus dem Ungarischen von Susanne Simor. In ihrem ersten Roman erzählt Lea Polgar eine Familien- und Liebesgeschichte aus dem Budapest zwischen 1906 und 1911 und zugleich die Geschichte einer scheiternden jüdischen Assimilation. Guszti, Sohn aus einer großbürgerlichen, aber im Abstieg befindlichen ungarischen Familie, verliebt sich in Rahel, die jüngere und schöne Tochter einer wohlhabenden, liberalen, jüdischen Familie, die gerade den Adelstitel erworben hat. Rahels Schwester Sara, weniger attraktiv und gewandt, ist die religiösere und konservativere der beiden. Beide Familien sind geprägt von Konflikten und Spannungen, und im liberalen, prosperierenden Budapest der k.u.k. Zeit am Vorabend des Ersten Weltkriegs kommt es zu den ersten Ausschreitungen gegen Juden. Guszti und Rahel, genannt Raschi, heiraten und gehen sogar nach Amerika, weil Guszti dort die neuesten Entwicklungen in der Fotographie und im Film studieren will, aber ihre Ehe scheitert am Ende. Sara dagegen gibt schließlich dem Werben eines orthodoxen Juden nach, den sie zunächst abgewiesen hatte, und wird eine glückliche Ehefrau. Zweisträngig, in klassischer Erzählform und anhand eingestreuter Aufzeichnungen von Sara, erzählt Lea Polgar in diesem Roman von scheiternder und glückender Liebe und von einer halbwegs friedlichen Welt der Koexistenz in einer der großen europäischen Metropolen, wie es sie bald darauf nicht mehr geben durfte.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 28.03.2007

Rolf-Bernhard Essig ist von dem Romandebüt Lea Polgars zwar nicht ganz überzeugt, würdigt die Autorin aber dennoch als talentierte Erzählerin. Polgars Roman lässt das Budapest der Jahrhundertwende wiederauferstehen und tut dies auf bedächtige, ausgewogene Weise, ohne große dramatische Verwerfungen, stellt der Rezensent fest, ohne dass er dies als Nachteil gewertet wissen will. Das Buch sei ein Gesellschaftsroman, der sich vor allem in der bürgerlichen Sphäre umtue und der wachsenden Antisemitismus und Konflikte zwischen liberalem und orthodoxem Judentum nachzeichne, erklärt der Rezensent. Insbesondere die Verstellungen und Lügenhaftigkeit der bürgerlichen Gesellschaft stehen bei der ungarischen Autorin im Vordergrund, es handelt sich also keineswegs um einen nostalgisch verklärten Blick zurück, stellt Essig zufrieden fest. Neben den Qualitäten des Romans vor allem in der Konstruktion hat der Rezensent viele Anfängerfehler ausgemacht. Und wenn Handlung und Sprache der Autorin schon wenig originell sind, so enttäusche die Übersetzung ins Deutsche noch zusätzlich durch sich ständig wiederholende Stereotypen, beklagt sich Essig.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 20.01.2007

Zwiespältig hat Rezensentin Judith Leister dieses Romandebüt aufgenommen, dessen Handlung am Anfang des 20. Jahrhunderts in Budapest angesiedelt ist. Es geht, wie sie schreibt, um eine jüdische und eine nicht-jüdische Familie, ihre Probleme, Verstrickungen, unbewältigten Jugendsünden und Schuldgefühle. Aber auch um das Ende einer Epoche, in der ungarische Juden und Nichtjuden friedlich koexistieren konnten. Besonderes interessant findet die Rezensentin die Schilderung der Familienkonstellationen und -bezüge, die sie an Arthur Schnitzler erinnern, allerdings ohne dessen typisches "Schürzen erotischer Knoten" Enttäuscht ist die Rezensentin, dass sich die Autorin Lea Polgar ganz und gar auf die Familien beschränkt und ohne Zeitbezüge und Einblicke in die Situation der Juden auszukommen meint. Es scheint daher viel Patina auf ihren Schilderungen zu liegen, weshalb zum Bedauern der Rezensentin eher der Gesamteindruck einer " Fotografie einer Fotografie" statt Authentizität entsteht.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 15.11.2006

Hans-Peter Kunisch feiert das Romandebüt der ungarischen Autorin Lea Polgar als ungewöhnliches und dabei fesselndes und berührendes Werk. Im Mittelpunkt stehen eine christliche und eine jüdische Familie im Budapest zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Ein junger Student verliebt sich erst in die Mutter, dann in die Tochter eines jüdischen Kunsthändlers, was die Autorin in einem Ton erzählt, der der Zeit angepasst ist und den Rezensenten an Arthur Schnitzler erinnert. Hinter der traurig-schönen Liebesgeschichte aber scheint der sich stetig verstärkende Antisemitismus auf, der im Pogrom von Tisza Esla einen ersten Höhepunkt findet, und den die Figuren des Romans zwar nicht zu erkennen imstande sind, der aber dennoch den Fluchtpunkt des Buches bildet, so Kunisch beeindruckt. Während die Protagonisten nämlich in ihre eigenen Geheimnisse und Konflikte verstrickt sind, die der Leser durchaus empathisch miterlebt, kündigt sich bereits die schreckliche historische Zukunft an, hinter der schließlich das individuelle Schicksal verschwindet, resümiert der Rezensent bewegt.
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